Zellfreie Implantate: die Matrix, die dem Knorpel beim Nachwachsen hilft

Zellfreie Implantate sind winzige Membranen oder Gele, die in einen Knorpeldefekt eingesetzt werden. Sie enthalten selbst keine Zellen, sondern bilden ein Gerüst, in dem sich körpereigenes Reparaturgewebe bilden kann. In Kombination mit der Knochenmarkstimulation sind sie deren matrixgestützte Weiterentwicklung, und liefern ein etwas besseres Gewebe. Diese Seite erklärt das Prinzip und ordnet sachlich ein, für welche Defekte es taugt.

Woher das Verfahren kommt

Die ersten Matrizen entstanden als Hilfsmittel für die Knorpelzelltransplantation: Eine dünne, körperverträgliche Membran deckte die eingebrachten Knorpelzellen ab, bequemer und schonender als der früher nötige körpereigene Gewebelappen. Die erste solche Membran war die Chondro-Gide® der Firma Geistlich Pharma (Schweiz), eine biphasische Kollagen-I/III-Matrix, die ab 1998 zunächst genau diese Abdeckfunktion übernahm. Geistlich war damit der erste Anbieter einer derartigen Matrix.

Daraus entstand eine naheliegende Idee: Wenn die Membran ohnehin den Defekt abdeckt, kann sie auch die bei der Knochenmarkstimulation freigesetzten Zellen im Defekt festhalten, statt sie im Blutgerinnsel verloren gehen zu lassen. Für dieses Verfahren bietet Geistlich die Chondro-Gide® seit 2003 an und prägte dafür den, markenrechtlich geschützten, Begriff AMIC® (autologe matrix-induzierte Chondrogenese).

Fachlich wird das Prinzip, Knochenmarkstimulation plus abdeckende Matrix, als matrixaugmentierte Knochenmarkstimulation (mBMS) bezeichnet; die von Geistlich geschützte Bezeichnung AMIC® hat sich dafür weithin als Synonym eingebürgert. Seit den 2000er-Jahren ist eine ganze Reihe weiterer Matrizen aus unterschiedlichen Materialien und von verschiedenen Herstellern auf den Markt gekommen (Übersicht siehe unten).

Das Behandlungsprinzip: worum es geht

Der Grundgedanke lässt sich in einem Satz sagen: Für ein gutes, knorpelähnliches Reparaturgewebe braucht man Zellen, und eine Matrix hilft, sie am richtigen Ort zu halten. Daraus ergeben sich zwei Situationen:

Bei sehr kleinen Defekten (unter 2 cm²) kann die Matrix allein als Platzhalter dienen. In sie können Knorpelzellen aus dem gesunden Umgebungsknorpel einwandern und ein Regeneratgewebe bilden. Das funktioniert nur, solange der Defekt klein ist.

Bei größeren Defekten (etwa 2–4 cm²) reicht das nicht. Hier wird die Matrix mit einer Knochenmarkstimulation kombiniert: Die aus dem Knochen einströmenden Knochenmark- und Stammzellen werden von der Matrix im Defekt gehalten, wachsen ein und bilden das Reparaturgewebe. Das Ergebnis ist ein etwas höherwertigeres Gewebe als bei der reinen Knochenmarkstimulation, wenn auch weiterhin kein vollständig normaler Gelenkknorpel.

Kurz gesagt: Kurz gesagt, Was es ist

Zellfreie Implantate sind zellfreie Gerüste (Membranen oder Gele), die in den Defekt eingesetzt werden. Bei sehr kleinen Defekten wandern Zellen aus dem Umgebungsknorpel ein; bei größeren wird die Matrix mit der Knochenmarkstimulation kombiniert und hält deren Zellen im Defekt (mBMS/AMIC). Das Reparaturgewebe ist besser als bei der reinen Knochenmarkstimulation, aber kein echter Gelenkknorpel.

+  Für medizinisch Interessierte: Technik und Materialien
  • Nach Standard-Defektpräparation und, bei größeren Defekten, Knochenmarkstimulation wird die Matrix defektgenau zugeschnitten und fixiert (eingeklebt mit Fibrinkleber oder eingenäht); ein Teil der Matrizen ist auch arthroskopisch implantierbar.
  • Als Trägermaterialien haben sich Kollagen (Typ I und I/III), Hyaluronsäure sowie synthetische Vliese und Hydrogele über lange Zeiträume bewährt; es gibt feste und gelartige Formen.
  • Einsetzbar für nahezu alle chondralen und osteochondralen Defekte bis etwa 6–8 mm Tiefe.
  • Zunehmend wird die subchondrale Lamelle im Defekt nicht mehr zwingend durchbrochen: Alternativ kann die Knochenmarkstimulation in der Notch (interkondyläre Grube) erfolgen, sodass die tragende Knochenlamelle im Defekt geschont wird. [7]
  • Vorgehen bei Fixation, Präparation des subchondralen Knochens und Lagerung der Produkte ist bislang uneinheitlich, ein Grund für die heterogene Datenlage.
+  Für medizinisch Interessierte: Vor- und Nachteile

Vorteile:

  • der reinen Knochenmarkstimulation histologisch und klinisch überlegen
  • meist einzeitig, teils arthroskopisch durchführbar
  • breit einsetzbar (chondrale und osteochondrale Defekte)
  • geringere Rate an intraläsionalen Osteophyten als die reine Mikrofrakturierung

Nachteile:

  • allein nur bei kleinen Defekten (< 2 cm²) sinnvoll; größere brauchen zusätzlich Zellen
  • kombiniert man mit Mikro-/Nanofrakturierung, bleibt die Traumatisierung des subchondralen Knochens (Osteophyten bei größeren Defekten in bis zu ~30 %)
  • heterogene Materialien und uneinheitliches Vorgehen erschweren den Studienvergleich
  • relevante Materialkosten
+  Für medizinisch Interessierte: Indikationen und Kontraindikationen
  • Aktuelle Indikation vor allem für Defekte von 1–4,5 cm² (DGOU 2022).
  • Bei Defekten < 2 cm² ggf. Matrix allein; bei größeren Defekten ist die zusätzliche Gabe von Zellen (Knochenmarkstimulation, Minced Cartilage oder mesenchymale Stromazellen) erforderlich.
  • Wie bei allen knorpelregenerativen Verfahren verschlechtern Arthrosegrade 2–4 das Ergebnis deutlich; ebenso beeinflussen Alter, Ursache und Defektgröße das Resultat.
  • Allgemeine Kontraindikationen wie bei der Knochenmarkstimulation (fortgeschrittene Arthrose, unkorrigierte Achsfehlstellung/Instabilität, entzündliche Gelenkerkrankung).
+  Für medizinisch Interessierte: Ergebnisse und Studienlage
  • Für die matrixaugmentierte Knochenmarkstimulation (AMIC) liegen inzwischen Langzeitdaten vor; ein aktueller randomisierter Vergleich belegt die Überlegenheit gegenüber der reinen Mikrofrakturierung über 10 Jahre (Patientenzufriedenheit ~75–87 %). [1, 5, 8, 11]
  • Das Evidenzniveau ist gemischt: neben randomisierten Studien (u. a. mit 10-Jahres-Daten) überwiegen Fallserien, und die Materialien sind heterogen. [1, 2]
  • Auch größere Defekte (2–8 cm²) scheinen zu profitieren, jedoch mit einer Osteophytenrate um ~30 %.
  • Gute Ergebnisse auch bei älteren Patientinnen und Patienten (50–69 Jahre), vergleichbar mit unter 50-Jährigen. [9]
  • Auch bei retropatellaren Defekten anhaltende klinische Besserung über 5 Jahre (MRT-korreliert). [10]
  • In einer direkten Vergleichsstudie schnitt die matrixaugmentierte Knochenmarkstimulation besser ab als die Implantation zerkleinerten Eigenknorpels (Minced Cartilage). [12]
  • Für mehrere Matrixtypen gibt es vielversprechende 5-Jahres-Ergebnisse; die längsten und umfangreichsten Nachbeobachtungen liegen für die kollagenbasierte AMIC vor. [1, 3]
  • Als Zukunftsentwicklung gelten zellfreie Implantate aus dem 3D-Druck, die den zonalen Aufbau des Knorpels nachbilden sollen. [4]

Verfügbare Matrizes im Überblick

Neben der Chondro-Gide® ist inzwischen eine Reihe weiterer zellfreier Matrizes verfügbar, die sich in Trägermaterial, Form und Herstellung unterscheiden.

Die folgende Übersicht listet die in Deutschland verfügbaren zellfreien Matrizes, geordnet nach Umfang und Qualität der klinischen Evidenz.

Produkt Hersteller Trägermaterial Evidenz
Chondro-Gide® Geistlich Kollagen I/III Höchste, RCT mit 10-Jahres-Daten, umfangreichste Literatur
Hyalofast® Anika Hyaluronsäure (HYAFF) Mehrere Studien, mittelfristige Daten
BST-CarGel® Smith+Nephew Chitosan-Lösung RCT gegen Mikrofrakturierung
Chondrotissue® BioTissue PGA-Vlies + Hyaluronsäure 5-Jahres-Fallserien
CaReS-1S® Arthro Kinetics Kollagen I Mittelfristige Daten
Cartimaix®, Chondrofiller®, Coltrix®, Novocart Basic®, MaioRegen® Matricel, Meidrix, Innotec, TETEC, Fin-Ceramica Kollagen/Hydrogel u. a.; MaioRegen® 3-schichtig (chondrale bzw. osteochondrale Variante) Begrenzt / überwiegend experimentell

Die Reihenfolge richtet sich nach der verfügbaren klinischen Evidenz und ersetzt keine Einzelfallentscheidung. Die Marktverfügbarkeit kann sich ändern (Stand 2026).

Nachbehandlung

Die Nachbehandlung entspricht der anderer knorpelregenerativer Verfahren, Entlastung und kontinuierliche passive Bewegung, abgestuft nach Größe und Lage des Defekts. Einzelheiten und die Phasen der Geweberefung stehen unter Nachbehandlung & Reha. Ergänzend gilt: Die QKG empfiehlt, abweichend vom klassischen, langen Entlastungsschema, eine phasenadaptierte, möglichst frühe Vollbelastung; das phasengerechte Vorgehen und die Begründung stehen im Kapitel Nachbehandlung & Reha.

Ob und welche Matrix im Einzelfall infrage kommt, entscheidet Ihre behandelnde Ärztin oder Ihr behandelnder Arzt nach Untersuchung, Bildgebung und Abwägung der Begleitfaktoren. Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung.

Evidenz-Ampel: für kleine bis mittlere Defekte (1–4,5 cm²) etabliert und der reinen Knochenmarkstimulation überlegen, belastbare Langzeitdaten vor allem für die kollagenbasierte AMIC, sonst überwiegend niedriggradige Evidenz

Das Wichtigste auf einen Blick

Zellfreie Implantate sind die matrixgestützte Weiterentwicklung der Knochenmarkstimulation. Sie liefern ein besseres Reparaturgewebe als die reine Mikro-/Nanofrakturierung und sind für kleine bis mittlere Defekte eine gut brauchbare Option, am besten belegt für die kollagenbasierte Variante mit Langzeitdaten.

Die QKG ordnet den Einsatz nach Defektgröße: Bei Defekten bis 1–2 cm² kann die Matrix ohne zusätzliche Zellen verwendet werden. Bei Defekten bis 4,5 cm² sollten Zellen ergänzt werden, bevorzugt über die schonendere Nanofrakturierung (die Mikrofrakturierung sollte verlassen werden) oder über Minced Cartilage, da dort die subchondrale Knochenlamelle geschont wird. Defekte über 4 cm² gehören zur Knorpelzelltransplantation (mACT).

+  Quellen
  1. Andriolo L, Reategui D, Di Martino A, Kon E, Filardo G, et al. Cell-free scaffolds in cartilage knee surgery: a systematic review and meta-analysis of clinical evidence. Cartilage. 2021;12(3):277–292. doi:10.1177/1947603519852406.
  2. Filardo G, Kon E, et al. Scaffolds for knee chondral and osteochondral defects: indications for different clinical scenarios. A consensus statement. Cartilage. 2020. doi:10.1177/1947603519894729.
  3. Pot MW, IntHout J, et al. Improved cartilage regeneration by implantation of acellular biomaterials after bone marrow stimulation: a systematic review and meta-analysis of animal studies. PeerJ. 2016;4:e2243. doi:10.7717/peerj.2243.
  4. Debieux P, Mameri ES, Medina G, Wong KL, Keleka CC, et al. Acellular scaffolds, cellular therapy and next generation approaches for knee cartilage repair. J Cartilage Joint Preserv. 2024;4:100180. doi:10.1016/j.jcjp.2024.100180.
  5. Kon E, Filardo G, Perdisa F, Venieri G, Marcacci M. Clinical results of multilayered biomaterials for osteochondral regeneration. J Exp Orthop. 2014;1:10.
  6. Niemeyer P, Becher C, Brucker PU, Buhs M, Fickert S, Gelse K, Günther D, Kaelin R, Kreuz P, Lützner J, Nehrer S, Madry H, Marlovits S, Mehl J, Ott H, Pietschmann M, Spahn G, Tischer T, et al. Stellenwert der matrixaugmentierten Knochenmarkstimulation in der Behandlung von Knorpelschäden des Kniegelenks: Konsensusempfehlungen der AG Klinische Geweberegeneration der DGOU. Z Orthop Unfall. 2018. doi:10.1055/a-0591-6457.
  7. Zinser W, Obwegeser F, Albrecht C, et al. Empfehlungen des Expertenkreis Gelenkserhalt und Knorpelregeneration Österreich zur Behandlung von Knorpelschäden am Kniegelenk (in Kooperation mit ÖGOuT und der QKG). 2025. Übersicht mit Tabelle: qkg-gesellschaft.de/artikel/empfehlungen-des-expertenkreis-gelenkserhalt-und-knorpelregeneration-oesterreich-zur-behandlung-von-knorpelschaeden-am-kniegelenk-2025/., Von der QKG mitgetragene Empfehlung; hohe Evidenz nur für die Chondro-Gide®-Membran (Fa. Geistlich), Notch-Stimulation als Alternative.
  8. Volz M, Schaumburger J, Gellißen J, Grifka J, Anders S. A randomized controlled trial demonstrating sustained benefit of autologous matrix-induced chondrogenesis (AMIC) over microfracture: 10-year follow-up. Eur J Orthop Surg Traumatol. 2024. doi:10.1007/s00590-024-03948-0.
  9. Gille J, Reiss E, Anders S, et al. Patients aged 50 to 69 years show comparable outcomes with those aged under 50 years following autologous matrix-induced chondrogenesis for the repair of focal chondral defects in the knee. Bone Joint J. 2025;107-B(10):1020–1027.
  10. Joshi Jubert N, Reverté Vinaixa M, Portas Torres I, et al. AMIC achieves sustained clinical improvement in isolated patellar cartilage defects over 5 years, correlating with MRI. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2024. doi:10.1002/ksa.12518.
  11. Ong JJS, Tan SF, Kurien T. A systematic review on autologous matrix-induced chondrogenesis (AMIC) for chondral knee defects. The Knee. 2024;51:102–113.
  12. Behrendt P, Eggeling L, Lindner A, et al. Autologous matrix-induced chondrogenesis provides better outcomes in comparison to autologous minced cartilage implantation in the repair of knee chondral defects. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2024. doi:10.1002/ksa.12387.
+  Autor & fachliche Prüfung

Autor

Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Fachlich gegengelesen von

Dr. med. Klaus Ruhnau

Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028