Wie ein Knorpelschaden festgestellt wird

Viele Menschen kommen mit einem Befund in der Hand aus der Radiologie und verstehen kein Wort. Diese Seite erklärt, welche Untersuchung was zeigt – und was sie nicht zeigen kann.

Das Gespräch und die Untersuchung

Am Anfang steht immer das Gespräch: Wo tut es weh, wann, wie lange schon? Welche Medikamente und Schmerzmittel nehmen Sie, wie lang ist die Gehstrecke, wie gut klappen Treppauf- und Treppabsteigen, besteht ein Instabilitätsgefühl?

Es folgt die klinische Untersuchung: Schwellung, Rötung, Überwärmung, Beinachse, Muskulatur, Beweglichkeit, Bandstabilität und lokale Druckschmerzen. Wie beweglich und wie stabil ist das Gelenk, wie ist der Gang?

Das klingt selbstverständlich, doch es sind die wichtigsten Schritte. Kein Bild kann sie ersetzen – und viele Befunde lassen sich erst im Zusammenhang mit den Beschwerden richtig einordnen.

Röntgen

Das Röntgenbild zeigt Knochen, nicht Knorpel. Der Knorpel wird indirekt sichtbar: über die Breite des Gelenkspalts. Ein schmaler Spalt bedeutet, dass Knorpel reduziert ist.

Zusätzlich zeigt das Röntgen knöcherne Anbauten (Osteophyten), Verdichtungen unter dem Knorpel und die Beinachse. Für die Beurteilung der Achse werden Aufnahmen im Stehen und Ganzbeinaufnahmen angefertigt. Wie stark die Arthrose auf dem Röntgenbild ausgeprägt ist, wird nach Kellgren und Lawrence in Stadien eingeteilt → Schweregrade und Klassifikationen.

Was Röntgen nicht kann: frühe Knorpelschäden erkennen, solange der Gelenkspalt noch normal breit ist.

MRT (Kernspintomographie)

Die MRT ist die wichtigste Untersuchung für den Knorpel. Sie stellt Knorpel, Menisken, Bänder, Gelenkinnenhaut und den Knochen unter dem Knorpel dar – ohne Strahlenbelastung.

Besonders aussagekräftig ist der Blick auf den subchondralen Knochen: Ein Knochenmarködem dort ist häufig der eigentliche Schmerzort und geht sichtbaren Knorpelschäden oft voraus.

Was die MRT nicht kann: die Festigkeit des Knorpels beurteilen. Ein Knorpel kann im Bild vorhanden, aber weich und nicht mehr belastbar sein.

CT (Computertomographie)

Die Computertomographie ist mit einer höheren Strahlenbelastung verbunden als das Röntgen und zeigt keinen Knorpel – trotzdem hat sie ihre klare Berechtigung. Sie stellt den Knochen dreidimensional und sehr detailliert dar und ist dem MRT in zwei Situationen überlegen:

  • Subchondrale Zysten – Hohlräume im Knochen direkt unter dem Knorpel – lassen sich im CT in ihrer Ausdehnung genauer beurteilen. Im MRT werden sie mitunter unterschätzt: Tatsächlich sind sie oft deutlich ausgedehnter, als das Kernspinbild vermuten lässt. [1]
  • Torsionsfehlstellungen – Verdrehungen von Oberschenkel (Femur) oder Schienbein (Tibia): Mit einem Spiral-CT lassen sich diese präzise ausmessen. Im MRT gelingt das schwerer, und die Messung steht nicht überall zur Verfügung. Sie ist wichtig, um Umstellungsosteotomien zu planen – besonders bei komplexen Formen der Kniescheiben-Instabilität. [2]

Welche Untersuchung sinnvoll ist, entscheidet also die Fragestellung: Für den Knorpel bleibt das MRT führend, für knöcherne Details und die Achs-/Torsionsplanung kann das CT unverzichtbar sein.

Arthroskopie (Gelenkspiegelung)

Die Arthroskopie ist die genaueste Methode – sie zeigt alle Knorpel- und Meniskusschäden, den Zustand der Gelenkschleimhaut sowie Kreuzbandverletzungen direkt, und der Knorpel lässt sich mit einem Tasthaken auf Festigkeit prüfen. Genau deshalb basieren die Klassifikationen auf arthroskopischen Befunden.

Auch die Größe des Knorpelschadens lässt sich arthroskopisch sehr genau bestimmen – und in der Realität ist der Defekt fast immer größer, als das MRT vermuten lässt. Das hat wesentlichen Einfluss auf die Wahl des Therapieverfahrens. Zusätzlich lässt sich beurteilen, ob die subchondrale Knochenlamelle – die Knochenschicht direkt unter dem Knorpel – mitbetroffen und beschädigt ist.

Sie ist allerdings ein operativer Eingriff. Als reine Untersuchung wird sie heute zurückhaltend eingesetzt; sinnvoll ist sie, wenn ohnehin eine Behandlung geplant ist oder die Bildgebung keine Klärung bringt.

+  Für medizinisch Interessierte

Röntgen: Belastungsaufnahmen (Rosenberg-Position, 45° Flexion p.a.) erhöhen die Sensitivität für den medialen Gelenkspalt gegenüber der Standardaufnahme im Liegen deutlich. Ganzbeinstandaufnahme zur Bestimmung der mechanischen Achse ist vor jeder knorpelregenerativen Intervention obligat.

MRT: Knorpelsensitive Sequenzen (fettgesättigte PD-gewichtete, 3D-Gradientenecho-Sequenzen) sind Standard. Kompositionelle Verfahren wie T2-Mapping, dGEMRIC und T1rho erlauben eine Beurteilung von Kollagenorganisation und Proteoglykangehalt vor morphologischem Substanzverlust – bislang überwiegend in Studien, zunehmend aber klinisch verfügbar.

Zur standardisierten Einschätzung eines unbehandelten fokalen Knorpel- oder osteochondralen Defekts vor einer möglichen Operation dient der AMADEUS-Score (Area Measurement And DEpth and Underlying Structures) – ein MRT-basiertes Klassifikations- und Bewertungssystem, das Defektfläche, -tiefe und die darunterliegenden Strukturen erfasst (Gesamtscore 0–100, Schweregrade I–IV). [3]

Zur Verlaufsbeurteilung nach knorpelregenerativen Eingriffen ist der MOCART-Score (Magnetic Resonance Observation of Cartilage Repair Tissue) etabliert; die überarbeitete Fassung MOCART 2.0 ist die aktuell empfohlene Version. [4]

Der Stellenwert der rein diagnostischen Arthroskopie ist infolge der verbesserten MRT-Diagnostik zurückgegangen; leitliniengerecht erfolgt sie in aller Regel als therapeutischer Eingriff mit diagnostischem Anteil.

Kurz gesagt — Diagnostik

Das Röntgenbild zeigt Knochen und den Gelenkspalt, die MRT zeigt Knorpel, Bänder, Knochenmarködeme und Zysten, die Arthroskopie zeigt alles direkt – ist aber ein operativer Eingriff. Keine dieser Untersuchungen ersetzt das Gespräch und die klinische Untersuchung.

+  Quellen
  1. Chan WP, Lang P, Stevens MP, et al. Osteoarthritis of the knee: comparison of radiography, CT, and MR imaging to assess extent and severity. AJR American Journal of Roentgenology. 1991;157(4):799–806.
  2. Barton KI, Boldt KR, Sogbein OA, et al. Femoral internal torsion greater than twenty-five degrees and/or external tibial torsion greater than thirty degrees as measured by computed tomography are threshold values for axial alignment correction in patellofemoral instability. Journal of ISAKOS. 2024;9(3):386–393.
  3. Jungmann PM, Welsch GH, Brittberg M, et al. Magnetic Resonance Imaging Score and Classification System (AMADEUS) for Assessment of Preoperative Cartilage Defect Severity. Cartilage. 2017;8(3):272–282.
  4. Schreiner MM, Raudner M, Marlovits S, et al. The MOCART (Magnetic Resonance Observation of Cartilage Repair Tissue) 2.0 Knee Score and Atlas. Cartilage. 2021;13(1_suppl):571S–587S.
+  Autor & fachliche Prüfung

Autor

Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt

Fachlich gegengelesen von

Dr. med. Klaus Ruhnau

Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt

Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028