Physiotherapie – die wirksamste Behandlung bei Arthrose
Wenn eine einzelne Behandlung bei Arthrose als „Erstlinientherapie" gilt, dann ist es die Bewegungs- und Krafttherapie. Alle großen Leitlinien – die deutsche S3, die europäische OARSI und die amerikanische ACR – empfehlen sie mit Nachdruck und stellen sie an den Anfang jeder Behandlung.
Warum sie so wirksam ist
Physiotherapie setzt genau dort an, wo das Gelenk Unterstützung braucht: Sie kräftigt die Muskulatur, die das Gelenk führt und entlastet, verbessert Beweglichkeit und Koordination und schult die Belastungssteuerung. Kräftige Muskeln verteilen die Last, dämpfen Spitzenbelastungen und schützen so den Knorpel. Warum das biologisch funktioniert, steht unter Bewegung & Krafttraining.
Was die Leitlinien empfehlen
- Die S3-Leitlinie empfiehlt, frühzeitig ein regelmäßiges Kräftigungs- und Beweglichkeitstraining nach Anleitung durchzuführen und die erlernten Übungen anschließend eigenständig fortzuführen (starke Empfehlung, Konsens 94 %). [1]
- OARSI führt das strukturierte Bewegungsprogramm zusammen mit Patientenschulung als „Core Treatment" – die Kernbehandlung bei Kniearthrose. [2]
- Die ACR empfiehlt Bewegung mit Nachdruck (strongly recommended) für Knie-, Hüft- und Handarthrose. [3]
Ergänzend belegt und besonders gelenkschonend ist Aquatraining (Bewegungstherapie im Wasser) – die S3 spricht sich dafür aus, ebenso die amerikanischen und europäischen Leitlinien. [1, 2, 3]
+ Für medizinisch Interessierte
Die Evidenz für Bewegungstherapie bei Gonarthrose ist robust (moderate Effektstärken auf Schmerz und Funktion). Leitlinien betonen: Der konkrete Trainingsinhalt (Kraft, Ausdauer, neuromuskulär) ist weniger entscheidend als die regelmäßige Durchführung – die ideale „Dosis" ist nicht abschließend definiert. Empfohlen werden angeleitetes, an die individuellen Bedürfnisse angepasstes Training, zunächst unter Aufsicht, dann eigenständig. Wichtig ist die Aufklärung, dass Beschwerden zu Trainingsbeginn vorübergehend zunehmen können, ohne dass dies dem Gelenk schadet. [1]
Wie genau Training wirkt, ist noch offen
So gut der Nutzen belegt ist – der genaue Wirkmechanismus physiotherapeutischer Trainingsprogramme ist bis heute nicht geklärt. [4] Mehr Kraft und bessere Koordination verbessern zwar die Funktion messbar, etwa das Aufstehen vom Stuhl oder das Treppensteigen. Die Schmerzlinderung lässt sich über diese Leistungssteigerung allein aber nicht erklären – sie läuft nicht einfach parallel zur gesteigerten Leistungsfähigkeit in den motorischen Hauptbeanspruchungsformen. Offensichtlich wirkt aktives Training nicht nur biologisch, sondern beeinflusst auch Psyche, Teilhabe und den Lebenskontext der Betroffenen: Zutrauen ins eigene Gelenk, Selbstwirksamkeit und die Rückkehr in bedeutsame Aktivitäten. Auch die Ursächlichkeit ist wissenschaftlich nicht abschließend bewiesen – ein systematischer Blick durch die Bradford-Hill-Kriterien fand weder einen zweifelsfreien Beleg für noch gegen einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Training und Schmerzlinderung. [5]
Das ist kein Grund, am Training zu zweifeln – es bleibt die am besten belegte und sicherste Maßnahme. Aber es zeigt, warum ein rein mechanisches Bild („Muskel stabilisiert Gelenk") zu kurz greift und warum Aufklärung, Zutrauen und Dranbleiben mindestens ebenso zählen wie Wiederholungszahlen und Gewicht.
Worauf Sie achten sollten
Zwei Punkte machen den Unterschied:
- Dranbleiben. Der Effekt hält an, solange trainiert wird. Physiotherapie ist kein einmaliger „Reparaturtermin", sondern der Start in ein dauerhaftes Übungsprogramm, das Sie zu Hause fortführen.
- Anfangsbeschwerden sind normal. Zu Beginn kann ein Training leicht mehr wehtun. Das ist kein Zeichen von Schaden – im Gegenteil. Scharfe oder anhaltend zunehmende Schmerzen besprechen Sie mit Ihrer Therapeutin oder Ihrem Arzt.
Kurz gesagt — Physiotherapie
Bewegungs- und Krafttherapie ist die am besten belegte Arthrose-Behandlung und steht in allen Leitlinien an erster Stelle. Angeleitet beginnen, dann eigenständig dranbleiben – am besten lebenslang. Aquatraining ist besonders gelenkschonend.
Evidenz-Ampel: gut belegt – die wirksamste konservative Maßnahme
+ Quellen
- S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Gonarthrose (AWMF 187-050), Fassung 2024/2025 – starke Empfehlung für angeleitetes Kräftigungs- und Beweglichkeitstraining sowie aquatische Bewegungstherapie.
- Bannuru RR, Osani MC, Vaysbrot EE, et al. OARSI guidelines for the non-surgical management of knee, hip, and polyarticular osteoarthritis. Osteoarthritis and Cartilage. 2019;27(11):1578–1589.
- Kolasinski SL, Neogi T, Hochberg MC, et al. 2019 ACR/Arthritis Foundation Guideline for the Management of Osteoarthritis of the Hand, Hip, and Knee. Arthritis & Rheumatology. 2020;72(2):220–233.
- Haber T, Lawford BJ, Bennell K, Holden M, White DK, Hinman RS. Recent highlights and uncertainties in exercise management of knee osteoarthritis. Journal of Physiotherapy. 2025;71:158–166.
- Henriksen M, Runhaar J, Turkiewicz A, Englund M. Exercise for knee osteoarthritis pain: Association or causation? Osteoarthritis and Cartilage. 2024;32:643–648.
+ Autor & fachliche Prüfung
Autor
Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt
Fachlich gegengelesen von
Dr. med. Klaus Ruhnau
Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt
Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028