Biologische Therapien – die eigenen Blutbestandteile nutzen
Unter „biologischen Therapien" oder „Eigenbluttherapien" fasst man Verfahren zusammen, die Bestandteile aus dem eigenen Blut des Patienten gewinnen, aufbereiten und ins Gelenk zurückspritzen. Die Idee: körpereigene Botenstoffe nutzen, um Entzündung zu dämpfen und Heilungsprozesse zu unterstützen. Zwei Konzepte stehen im Vordergrund – und sie wirken unterschiedlich.
Die zwei Grundkonzepte
1. Plättchenreiches Plasma (PRP). Hier wird das Blut so aufbereitet, dass die Blutplättchen (Thrombozyten) stark konzentriert werden. Blutplättchen enthalten zahlreiche Wachstumsfaktoren, die Gewebe- und Reparaturprozesse anstoßen können.
2. Interleukin-Therapie (autologes konditioniertes Serum). Hier wird das Blut vor der Aufbereitung besonders „konditioniert" – meist durch Inkubation –, damit die Zellen vermehrt entzündungshemmende Eiweiße bilden, insbesondere den sogenannten Interleukin-1-Rezeptorantagonisten. Dieser blockiert Interleukin-1, einen der wichtigsten Entzündungstreiber bei Arthrose.
Vereinfacht: PRP setzt auf Wachstumsfaktoren, die Interleukin-Therapie auf einen gezielten Entzündungs-Blocker. Beides stammt aus dem eigenen Blut, weshalb allergische Reaktionen sehr selten sind.
Kurz gesagt — Die zwei Konzepte
Biologische Therapien nutzen das eigene Blut. PRP konzentriert die Blutplättchen und ihre Wachstumsfaktoren; die Interleukin-Therapie reichert einen körpereigenen Entzündungs-Blocker an. Weil das Material vom Patienten selbst stammt, sind allergische Reaktionen sehr selten.
Plättchenreiches Plasma (PRP) im Detail
Zur Herstellung wird eine kleine Menge Blut abgenommen und in einer Zentrifuge aufgetrennt. Die plättchenreiche Schicht wird gewonnen und ins Gelenk gespritzt – meist als kurze Serie. Je nach Verfahren ist die Plättchenkonzentration um das Drei- bis Sechsfache gegenüber normalem Blut erhöht.
Wichtig zu wissen: „PRP" ist kein einheitliches Produkt. Je nach Herstellungsweise enthält das Präparat unterschiedlich viele Plättchen und mal viele, mal kaum weiße Blutkörperchen (leukozytenreiches vs. leukozytenarmes PRP). Diese Unterschiede erklären, warum Studienergebnisse so uneinheitlich ausfallen – und warum sich derzeit kein bestimmtes Verfahren als das beste empfehlen lässt. [1]
+ Für medizinisch Interessierte
Der genaue Wirkmechanismus von PRP bei Arthrose ist nicht abschließend geklärt. Thrombozyten setzen Wachstumsfaktoren (u. a. PDGF, TGF-β, VEGF, IGF) frei, die anabole und immunmodulatorische Effekte auf Chondrozyten und Synoviozyten haben können; tierexperimentell zeigen sich teils chondroprotektive Signale. Die Präparate werden über ein internationales Klassifizierungssystem nach Plättchenzahl, Aktivierung und Leukozytengehalt eingeteilt, was die Heterogenität der Studien nur teilweise auffängt. Die S3-Leitlinie hält fest, dass sich für ein konkretes Herstellungsverfahren derzeit keine Empfehlung ableiten lässt. [1]
Was die Leitlinie sagt
Die deutsche S3-Leitlinie Gonarthrose (2024/2025) spricht für PRP eine bedingte Empfehlung aus: PRP „kann in Betracht gezogen werden", wenn andere schmerz- und funktionsverbessernde Maßnahmen nicht geeignet, nicht verträglich oder nicht wirksam sind (Konsensstärke 94 %). [1]
Die Einordnung dahinter ist nüchtern: In placebokontrollierten Studien ist PRP einer Scheininjektion überlegen, der Effekt auf den Schmerz ist aber klein (Größenordnung einiger Punkte auf einer Schmerzskala) und wird oft erst über Monate deutlicher. Wegen der geringen Nebenwirkungen und der im Vergleich zur Operation kleineren Risiken geht die Leitlinie von einem kleinen positiven Nutzen aus. [1]
International wird PRP teils positiver bewertet: Eine Metaanalyse hochwertiger Studien sah PRP der Kortisonspritze im mittelfristigen Verlauf überlegen [7], und der europäische ESSKA-ORBIT-Konsens empfiehlt Blutprodukte als sinnvolle Option bei leichter bis mittelgradiger Kniearthrose. [5] Dass die deutsche S3 zurückhaltender bleibt (nur bedingte Empfehlung), ist ein gutes Beispiel dafür, wie dieselben Daten unterschiedlich gewichtet werden.
Für die Interleukin-Therapie (autologes konditioniertes Serum, ACS) ist die Studienlage dünner als für PRP, das Konzept aber biologisch gut begründet – und besser belegt, als es die deutsche Leitlinie abbildet: Eine randomisierte Studie zeigte eine Wirksamkeit bei Kniearthrose [6], und der ESSKA-ORBIT-Konsens fasst ACS ausdrücklich mit unter die Blutprodukte („PRP") und damit unter deren positive Einordnung. [5] In der deutschen S3 wird sie dennoch nicht mit einer eigenen Empfehlung geführt.
Kurz gesagt — Was belegt ist
Für PRP am Kniegelenk gibt es eine bedingte Leitlinien-Empfehlung: einen Versuch wert, wenn einfachere Maßnahmen nicht ausreichen – mit kleinem, aber realem Nutzen; neuere Daten sehen PRP der Kortisonspritze überlegen. Ein bestimmtes Herstellungsverfahren lässt sich nicht empfehlen. Die Interleukin-Therapie (ACS) zählt zu denselben Blutprodukten und ist durch eine randomisierte Studie gestützt, in der deutschen Leitlinie aber ohne eigene Empfehlung.
Evidenz-Ampel PRP: bedingt empfohlen (S3), kleiner realer Nutzen – international teils der Kortisonspritze überlegen
Evidenz-Ampel Interleukin-Therapie (ACS): biologisch plausibel, durch RCT und europäischen Konsens gestützt
Ausblick – der Wnt-Signalweg und das DKK-1-Protein
Ein neuerer Forschungsansatz setzt nicht bei Wachstumsfaktoren oder Interleukin an, sondern bei einem anderen Schalter im Gelenk: dem Wnt-Signalweg. Ist dieser dauerhaft überaktiv, fördert er den Knorpelabbau. Ein körpereigenes Protein – DKK-1 – wirkt als natürliche Bremse dieses Signalwegs. Daran knüpft ein noch experimenteller Eigenblut-Ansatz an.
+ Für medizinisch Interessierte: Wnt/β-Catenin und DKK-1
Der Wnt/β-Catenin-Signalweg gilt als einer der Treiber der Arthrose: Eine anhaltende Überaktivierung ist mit Knorpeldegradation, verändertem Chondrozyten-Stoffwechsel und subchondralem Knochenumbau verknüpft und wird deshalb als therapeutisches Ziel untersucht. Dickkopf-1 (DKK-1) ist ein körpereigener Hemmstoff dieses Signalwegs. [3]
Daran knüpft ein Ansatz aus der Eigenblut-Familie an: Aus dem eigenen Blut wird ein Präparat gewonnen, das gezielt mit DKK-1 angereichert ist, und ins Gelenk gespritzt, um den überaktiven Wnt-Signalweg lokal zu dämpfen. In einer ersten kleinen, unkontrollierten Pilotstudie (30 Patienten, eine einzige Injektion) zeigten sich über bis zu zwölf Monate eine Schmerzabnahme (VAS) und eine Funktionsverbesserung (WOMAC), ohne schwerwiegende Nebenwirkungen. [4]
Einzuordnen ist das mit deutlicher Zurückhaltung: Es handelt sich um mechanistische Grundlagenevidenz plus eine einzelne, herstellernahe Pilotstudie ohne Kontrollgruppe – kein Wirksamkeitsnachweis. Kontrollierte Studien fehlen bislang. Ein interessanter, aber sehr früher Forschungsstand.
Evidenz: experimentell – nur Pilotdaten, keine kontrollierten Studien.
Kombinationspräparate – ein Hinweis
Es gibt inzwischen auch kombinierte Präparate, die zwei Wirkprinzipien in einer Spritze vereinen:
- PRP zusammen mit Hyaluronsäure – die Idee ist, den biologischen Effekt der Blutplättchen mit der schmierenden und entzündungsmodulierenden Wirkung der Hyaluronsäure zu verbinden.
- Hyaluronsäure zusammen mit Kortison – hier wird die längerfristige Wirkung der Hyaluronsäure mit dem schnellen entzündungshemmenden Effekt des Kortisons kombiniert (mehr dazu unter Medikamente).
Solche Kombinationen existieren und werden angeboten. Ob sie den Einzelbehandlungen tatsächlich überlegen sind, ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt – die Datenlage zu den Einzelbestandteilen lässt sich nicht einfach auf die Kombination übertragen.
Wie bei jeder Gelenkinjektion bestehen ein geringes Infektionsrisiko und Kontraindikationen – wobei eine aktuelle systematische Übersicht bei PRP-Kniespritzen unabhängig von der Aufbereitungstechnik (offen oder geschlossen) keine einzige Gelenkinfektion fand. [8] Biologische Therapien werden in Deutschland in der Regel als Selbstzahlerleistung angeboten; die Kosten übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen üblicherweise nicht.
Das Wichtigste auf einen Blick
Biologische Therapien nutzen das eigene Blut – PRP für Wachstumsfaktoren, die Interleukin-Therapie für einen Entzündungs-Blocker. Für PRP am Knie gibt es eine bedingte Empfehlung mit kleinem, aber realem Nutzen; für die Interleukin-Therapie ist die Evidenz dünner. Kombipräparate (etwa mit Hyaluronsäure) existieren, ihr Zusatznutzen ist aber nicht gesichert.
Sinnvoll sind diese Verfahren am ehesten, wenn Basismaßnahmen und einfachere Behandlungen nicht ausreichen und eine Operation vermieden oder hinausgezögert werden soll. Beim Schweregrad gilt: PRP und die Interleukin-Therapie werden – ähnlich wie die Hyaluronsäure – vor allem bei leichter bis mittelgradiger Arthrose (Grad 2–3) eingesetzt, in der noch ausreichend Gelenkstruktur vorhanden ist. Bei fortgeschrittenem Knorpelverlust (Grad 3–4) ist ihr Nutzen geringer; dort kommen eher Arthrosamid oder ein operatives Verfahren infrage. Sie ersetzen nicht Bewegung, Krafttraining und Gewichtsmanagement – die am besten belegten Maßnahmen.
+ Quellen
- S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Gonarthrose (AWMF 187-050), Fassung 2024/2025, Empfehlung 27 zu plättchenreichem Plasma (PRP), Konsensstärke 94 %. Zugrunde liegende Evidenz u. a.: Costa et al. 2023; Xiong et al. 2023; Delanois et al. 2022.
- (Interleukin-Therapie / autologes konditioniertes Serum: Schlüsselstudien beim Finalisieren ergänzen – die Evidenz ist begrenzter; für eine belastbare Aussage empfehlenswert, 1–2 aktuelle RCT/Metaanalysen zu ergänzen.)
- De Santis M, Di Matteo B, Chisari E, et al. The Role of Wnt Pathway in the Pathogenesis of OA and Its Potential Therapeutic Implications in the Field of Regenerative Medicine. BioMed Research International. 2018;2018:7402947.
- Pilotstudie (prospektiv, unkontrolliert, n = 30) zum autologen, DKK-1-angereicherten Blutprodukt bei symptomatischer Gonarthrose; Nachbeobachtung bis 360 Tage. (Hersteller-naher Bericht – vor Veröffentlichung durch eine unabhängige, peer-reviewte Quelle ersetzen oder ergänzen.)
- Laver L, Filardo G, Sanchez M, et al. The use of injectable orthobiologics for knee osteoarthritis: a European ESSKA-ORBIT consensus. Part 1 – Blood-derived products (platelet-rich plasma). Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2024;32(4):783–797.
- Baltzer AWA, Moser C, Jansen SA, Krauspe R. Autologous conditioned serum is an effective treatment for knee osteoarthritis. Osteoarthritis Cartilage. 2009;17(2):152–160.
- McLarnon M, Heron N. Intra-articular platelet-rich plasma injections versus intra-articular corticosteroid injections for symptomatic management of knee osteoarthritis: systematic review and meta-analysis. BMC Musculoskeletal Disorders. 2021;22(1):550.
- Alazzeh M, Al-Dolaymi A, et al. Platelet-rich plasma intra-articular knee injections from open preparation techniques do not increase the joint infection rate: a systematic review. Journal of Experimental Orthopaedics. 2024. (Infektionsrate 0 pro 1000 Injektionen bei offener und geschlossener Aufbereitung.)
+ Autor & fachliche Prüfung
Autor
Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt
Fachlich gegengelesen von
Dr. med. Klaus Ruhnau
Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt
Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028