Begleiteingriffe: warum die Knorpel-OP selten allein kommt

Der schönste neue Knorpel hält nicht, wenn die Kräfte, die ihn geschädigt haben, weiter auf ihn einwirken. Deshalb werden bei einer Knorpeltherapie fast immer die Ursachen im Umfeld mitbehandelt: eine schiefe Beinachse, ein fehlender Meniskus, ein instabiles Band oder ein Schaden im Knochen unter dem Knorpel. Diese Begleiteingriffe entscheiden oft mehr über den Erfolg als das Knorpelverfahren selbst.

Warum das Umfeld über den Erfolg entscheidet

Ein Gelenk ist ein Zusammenspiel aus Knorpel, Knochen, Menisken, Bändern und Muskulatur. Ist eine dieser Strukturen gestört, entsteht eine Fehlbelastung, die den Knorpel schädigt, und die eine frische Knorpelreparatur genauso wieder zerstören würde. Studien zeigen deutlich: Wird die Begleitpathologie nicht korrigiert, fallen die Ergebnisse der Knorpeltherapie deutlich schlechter aus. [1, 2]

Deshalb gehört zu jeder Knorpeloperation eine gründliche Umfelddiagnostik (beim Knie einschließlich Ganzbeinröntgen zur Achsbestimmung). Was dabei auffällt, wird nach Möglichkeit im selben Eingriff mitbehandelt. Wie diese Umfeldfaktoren zusammenhängen, steht auch unter Prinzipien und Knorpelschaden und Arthrose.

Kurz gesagt: Kurz gesagt, Das Umfeld entscheidet

Eine Knorpelreparatur hält nur, wenn die Ursachen mitbehandelt werden: Beinachse, Meniskus, Bänder, Knochen. Wird eine Fehlbelastung übergangen, scheitert auch das beste Knorpelverfahren. Deshalb gehört zur Knorpel-OP fast immer mindestens ein Begleiteingriff.

Achskorrektur: die häufigste Begleitmaßnahme

Der häufigste Begleiteingriff ist die Korrektur der Beinachse. Steht das Bein in O- oder X-Stellung, lastet das Gewicht einseitig auf einem Gelenkabschnitt, genau dort entsteht der Schaden, und dort würde auch eine Reparatur wieder überlastet. Über eine Umstellungsosteotomie wird die Achse deshalb neutral wiederhergestellt, sodass die Last wieder gleichmäßig verteilt ist und die Knorpelreparatur geschützt wird.

Wichtig zur Abgrenzung: Geht es nicht um den Schutz einer Knorpelreparatur, sondern um die Behandlung einer bereits bestehenden einseitigen Arthrose, wird die Achse bewusst leicht überkorrigiert, um das kranke Kompartiment zu entlasten. Diese eigenständige Anwendung, samt Brace-Test, ist unter Umstellungsosteotomien beschrieben. Dieselbe Operation, aber ein anderes Ziel: hier neutral (Schutz), dort überkorrigiert (Entlastung).

Meniskus: der Stoßdämpfer des Gelenks

Der Meniskus verteilt die Last und dämpft Stöße. Fehlt er teilweise oder funktionell, etwa nach einer ausgedehnten Entfernung –, steigt der Druck auf den Knorpel stark an. Deshalb wird der Meniskus nach Möglichkeit erhalten oder repariert (genäht/refixiert); bei funktionellem Verlust kommt in ausgewählten Fällen ein Meniskusersatz (Transplantation) infrage. Ohne einen funktionierenden Meniskus ist der langfristige Erfolg einer Knorpeltherapie gefährdet. Ein neuerer Befund: Bei jugendlichen Knorpel-Knochen-Läsionen der Oberschenkelrolle kann eine Instabilität des Meniskusvorderhorns ursächlich sein, ihre Stabilisierung (Meniskopexie) kann solche Läsionen sogar zur Ausheilung bringen; die Begleitpathologie sollte daher gezielt gesucht werden. [9]

Bandstabilisierung: ohne Stabilität kein Halt

Ist das Gelenk instabil, etwa nach einem Kreuzband- oder Seitenbandriss oder bei wiederkehrender Kniescheibenverrenkung –, wirken bei jedem Schritt Scherkräfte auf den Knorpel, die eine Reparatur immer wieder lösen. Solche Instabilitäten müssen deshalb beseitigt werden, etwa durch eine Bandrekonstruktion (Kreuzband, Seitenband) oder eine Stabilisierung der Kniescheibe. Erst ein stabiles Gelenk gibt der Knorpelreparatur den nötigen Halt.

Kurz gesagt: Kurz gesagt, Achse, Meniskus, Band

Die drei häufigsten Begleiteingriffe: die Achse neutral korrigieren (Last gleichmäßig verteilen), den Meniskus erhalten oder ersetzen (Stoßdämpfer sichern) und Instabilitäten beseitigen (Scherkräfte vermeiden). Jeder für sich kann über Erfolg oder Scheitern der Knorpeltherapie entscheiden.

Kniescheibe: knöcherne Korrekturen bei Instabilität

Wiederkehrende Kniescheibenverrenkungen (habituelle Patellaluxation) haben häufig knöcherne Ursachen, die sich mit einer reinen Bandplastik (MPFL) allein nicht beheben lassen. Zwei Korrekturen sind hier wichtig:

Bei einer Trochleadysplasie ist die Gleitrinne am Oberschenkel, in der die Kniescheibe läuft, zu flach oder fehlgeformt, die Kniescheibe findet keinen sicheren Halt. Die Trochleaplastik vertieft und modelliert diese Rinne neu. Sie senkt die Wiederverrenkungsrate deutlich (in Studien Rezidive im Bereich von rund 2–3 %) und verbessert die Kniefunktion; bei hochgradiger Dysplasie ist sie am wirksamsten in Kombination mit einer MPFL-Plastik.

Ist der Oberschenkelknochen vermehrt nach innen verdreht (erhöhte femorale Antetorsion/Innenrotationsfehlstellung), zieht das die Kniescheibe nach außen und begünstigt die Luxation. Über eine, meist suprakondyläre, Derotationsosteotomie wird der Knochen zurückgedreht und die Kniescheibenführung normalisiert.

In schweren Fällen werden beide knöchernen Korrekturen, Trochleaplastik und Derotationsosteotomie, gemeinsam und zusammen mit der MPFL-Plastik in einem Eingriff durchgeführt. [5, 6, 7, 8]

Bei einer Kniescheibenverrenkung kann zudem ein osteochondrales Fragment abscheren („Flake Fracture"). Ist das Fragment intakt und trägt es einen Knochenanteil, sollte es möglichst früh refixiert werden (bei Erwachsenen innerhalb von etwa 7 Tagen, um ein Aufquellen zu vermeiden); andernfalls wird es entfernt und der Defekt mit einem knorpelregenerativen Verfahren versorgt. Begleitend sind das Patella-Alignment und der Halteapparat mit abzuklären. [9]

Subchondraler Knochenaufbau: das Fundament unter dem Knorpel

Reicht ein Schaden bis in den Knochen unter dem Knorpel (osteochondraler Defekt) oder finden sich dort Zysten oder ein anhaltendes Knochenmarködem, muss dieses Fundament mitbehandelt werden. Beim subchondralen Knochenaufbau wird der Knochendefekt zunächst mit körpereigenem Knochen aufgefüllt (Spongiosa oder kortikospongiöse Zylinder, z. B. vom Beckenkamm), bevor die Knorpelschicht mit einem der Knorpelverfahren verschlossen wird.

Wichtig: Der subchondrale Knochenaufbau wird nie allein durchgeführt, sondern immer zusammen mit einer Knorpeltherapie, deshalb steht er hier bei den Begleiteingriffen. Die Fachgesellschaft empfiehlt, den Knochen bereits ab kleinen Substanzdefekten (etwa 2–3 mm) oder bei Zysten/Sklerose konsequent mitzubehandeln. [3, 4]

+  Für medizinisch Interessierte: Wann welcher Begleiteingriff
  • Achse: Planung per Ganzbeinröntgen; bei Achskorrektur zum Schutz einer Reparatur wird eine neutrale Tragachse angestrebt (im Unterschied zur Überkorrektur bei unikompartimenteller Arthrose, siehe Umstellungsosteotomien).
  • Meniskus: Priorität auf Erhalt/Refixation; Meniskustransplantation bei symptomatischem funktionellem Verlust im betroffenen Kompartiment.
  • Bänder: Rekonstruktion von Kreuz-/Seitenbändern bzw. patellofemorale Stabilisierung (z. B. MPFL) vor oder zeitgleich mit der Knorpeltherapie. Bei knöchernen Ursachen einer Patellainstabilität zusätzlich Trochleaplastik (Trochleadysplasie) und/oder Derotationsosteotomie (erhöhte femorale Antetorsion), in schweren Fällen kombiniert. [5, 6, 7, 8]
  • Subchondraler Knochen: Adressierung ab Substanzverlust ~2–3 mm bzw. bei Zysten/Sklerose; Optionen: autologe Spongiosaplastik, kortikospongiöse Zylinder/Knochenblock, oder matrixaugmentierte Verfahren mit Knochenbeteiligung. [3, 4]

Nachbehandlung

Die Nachbehandlung richtet sich nach dem aufwändigsten Teileingriff: Eine begleitende Osteotomie oder ein Knochenaufbau verlängert in der Regel die Entlastungsphase, eine Bandrekonstruktion ergänzt eigene Reha-Schritte. Die Phasen der Geweberefung und die allgemeine Nachsorge stehen unter Nachbehandlung & Reha. Ergänzend gilt: Die QKG empfiehlt, soweit die Begleiteingriffe (v. a. knöcherne Heilung) es zulassen, ein phasengerechtes, möglichst frühes Belastungskonzept statt langer strikter Entlastung; Näheres im Kapitel Nachbehandlung & Reha.

Welche Begleiteingriffe nötig sind, ergibt sich aus der Umfelddiagnostik und wird individuell geplant. Nicht immer lässt sich alles in einem Eingriff lösen; manchmal ist ein gestuftes Vorgehen sinnvoll. Die Entscheidung trifft Ihre behandelnde Ärztin oder Ihr behandelnder Arzt. Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung.

Evidenz-Ampel: gut belegt und entscheidend, die Mitbehandlung von Begleitpathologien (Achse, Meniskus, Band, Knochen) verbessert die Ergebnisse der Knorpeltherapie deutlich

Das Wichtigste auf einen Blick

Begleiteingriffe sind kein Beiwerk, sondern oft der eigentliche Schlüssel zum Erfolg: Eine Knorpeltherapie kann nur halten, wenn Achse, Meniskus, Bänder und Knochen stimmen. Die Achskorrektur ist der häufigste Begleiteingriff, hier mit dem Ziel, die Achse neutral wiederherzustellen und die Reparatur vor der Fehlbelastung zu schützen, die den Schaden verursacht hat.

Der subchondrale Knochenaufbau wird nie allein, sondern immer mit einer Knorpeltherapie durchgeführt. Und weil sich nicht immer alles in einem Eingriff lösen lässt, ist manchmal ein gestuftes Vorgehen sinnvoll. Entscheidend bleibt: Wer nur den Knorpel behandelt und das Umfeld übergeht, riskiert, dass auch das beste Verfahren scheitert.

+  Quellen
  1. Hoburg A, Plaaß C, Steens W. Relevanz der Therapie von Begleitpathologien in der knorpelregenerativen Therapie an Hüft-, Knie- und Sprunggelenk. OUP (Orthopädische und Unfallchirurgische Praxis). 2024;13(3):106–114.
  2. Martin R, Jakob RP. Are cartilage repair and restoration procedures in the knee without respecting alignment fruitless? A comprehensive review. J Cartilage Joint Preserv. 2022;2:100074. doi:10.1016/j.jcjp.2022.100074. Ergänzend: Husen M, Custers RJH, Hevesi M, Krych AJ, Saris DBF. The role of proximal tibial osteotomy in joint preservation. J Cartilage Joint Preserv. 2023. doi:10.1016/j.jcjp.2023.100109.
  3. Niemeyer P, Albrecht D, Aurich M, et al. Empfehlungen der AG Klinische Geweberegeneration (DGOU) zur Behandlung von Knorpelschäden am Kniegelenk. Z Orthop Unfall. 2021/2022. doi:10.1055/a-1663-6807 (zur Adressierung des subchondralen Knochens).
  4. Grechenig S, Worlicek M, Penzkofer R, et al. Bone block augmentation from the iliac crest for treatment of deep osteochondral defects of the knee resembles biomechanical properties of the subchondral bone. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2019. doi:10.1007/s00167-018-5242-6.
  5. Leclerc JT, Dartus J, Labreuche J, et al. Complications and outcomes of trochleoplasty for patellofemoral instability: a systematic review and meta-analysis of 1000 trochleoplasties. Orthop Traumatol Surg Res. 2021;107(7):103035. doi:10.1016/j.otsr.2021.103035.
  6. von Knoch F, Böhm T, Bürgi ML, von Knoch M, Bereiter H. Trochleaplasty for recurrent patellar dislocation in association with trochlear dysplasia. A 4- to 14-year follow-up study. J Bone Joint Surg Br. 2006;88(10):1331–1335. doi:10.1302/0301-620X.88B10.17834.
  7. Nelitz M, Dreyhaupt J, Williams SR, Dornacher D. Combined supracondylar femoral derotation osteotomy and patellofemoral ligament reconstruction for recurrent patellar dislocation and severe femoral anteversion syndrome: surgical technique and clinical outcome. Int Orthop. 2015;39(12):2355–2362. doi:10.1007/s00264-015-2859-7.
  8. Hao K, Niu Y, Feng A, Wang F. Outcomes after derotational distal femoral osteotomy for recurrent patellar dislocations with increased femoral anteversion: a systematic review and meta-analysis. Orthop J Sports Med. 2023;11(7):23259671231181601. doi:10.1177/23259671231181601.
  9. Zinser W, Obwegeser F, Albrecht C, et al. Empfehlungen des Expertenkreis Gelenkserhalt und Knorpelregeneration Österreich zur Behandlung von Knorpelschäden am Kniegelenk (in Kooperation mit ÖGOuT und der QKG). 2025. Übersicht mit Tabelle: qkg-gesellschaft.de/artikel/empfehlungen-des-expertenkreis-gelenkserhalt-und-knorpelregeneration-oesterreich-zur-behandlung-von-knorpelschaeden-am-kniegelenk-2025/., Von der QKG mitgetragene Empfehlung; Meniskopexie bei Vorderhorninstabilität, Flake-Fracture-Refixation (Erwachsene < 7 Tage), subchondraler Knochenaufbau ab 3 mm.
+  Autor & fachliche Prüfung

Autor

Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Fachlich gegengelesen von

Dr. med. Klaus Ruhnau

Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028