Hilfsmittel & Orthesen

Manchmal helfen einfache Hilfsmittel, das Gelenk im Alltag zu entlasten und sicherer zu gehen. Was davon wirklich belegt ist, unterscheidet sich – ein Gehstock steht besser da als so manche teure Orthese.

Gehhilfen – unterschätzt und gut belegt

Ein Gehstock (auf der Gegenseite des betroffenen Gelenks getragen) entlastet spürbar und ist eine der am besten belegten Hilfen: Die ACR empfiehlt Gehhilfen mit Nachdruck (strongly recommended), die S3 rät, sie zur Entlastung in Erwägung zu ziehen. [1, 3] Viele scheuen den Stock aus Sorge, „alt" zu wirken – dabei ist er ein wirksames, einfaches Mittel, um wieder schmerzärmer und sicherer unterwegs zu sein.

Evidenz-Ampel Gehhilfen: gut belegt

Kniebandagen – weiche Unterstützung mit spürbarem Effekt

Anders als die festen, stützenden Orthesen sind Kniebandagen weiche, elastische Gestricke. Sie stabilisieren mechanisch kaum, wirken aber über Kompression, Wärme und eine verbesserte Körperwahrnehmung (Propriozeption) des Gelenks. Eine Meta-Analyse mehrerer kontrollierter Studien fand für solche weichen Bandagen einen mittleren Effekt auf den Schmerz und einen kleinen bis mittleren Effekt auf die Funktion bei Kniearthrose. [6] Schon das einmalige Tragen kann Schmerz, Unsicherheitsgefühl und wahrgenommene Instabilität im Gelenk verringern. [7] Als einfache, günstige und risikoarme Maßnahme sind sie einen Versuch wert – gerade für Menschen, die sich mit dem Gelenk unsicher fühlen.

Evidenz-Ampel Kniebandagen: symptomatisch wirksam (mittlerer Effekt auf Schmerz)

Knieorthesen

Bei bestimmten Formen der Kniearthrose können Orthesen (stützende Schienen) helfen. Die ACR empfiehlt die tibiofemorale Knieorthese mit Nachdruck für passende Fälle und die patellofemorale Orthese mit Einschränkung. [3] Die S3 sieht Orthesen als Option, wenn Bewegungstherapie allein nicht ausreicht. [1] Entscheidend ist die richtige Auswahl und Anpassung – das gehört in fachkundige Hände.

Eine Sonderrolle spielt der Entlastungs- oder Valgus-Brace bei einseitiger (z. B. medialer) Kniearthrose: Er führt das Bein sanft in eine korrigierte Achse und entlastet so das betroffene Kompartiment. Bessern sich die Beschwerden damit deutlich, ist das zugleich ein guter Vorab-Test, ob auch eine achskorrigierende Operation helfen würde – siehe Umstellungsosteotomie („Brace-Test").

Evidenz-Ampel Knieorthesen: gut belegt für passende Fälle

Einlagen und Schuhranderhöhungen – auf die Auswahl kommt es an

Keilförmige Einlagen oder Schuhranderhöhungen (meist einige Millimeter, oft rund 4 mm) sollen die Last vom überlasteten Teil des Gelenks wegverlagern: Eine Außenranderhöhung entlastet das innere (mediale), eine Innenranderhöhung das äußere (laterale) Kompartiment. Biomechanisch lässt sich das messen – bei einem Großteil der Patienten sinkt das sogenannte Kniegelenks-Adduktionsmoment, also die einseitige Belastung.

Über alle Patienten gemittelt zeigen Studien allerdings keinen eindeutigen Schmerz- oder Funktionsvorteil gegenüber neutralen Einlagen – deshalb äußern sich die Leitlinien zurückhaltend (ACR: conditionally against; S3: nur als Option in ausgewählten Fällen). [3, 4]

Entscheidend ist die Auswahl: Versorgt man gezielt die Patienten, die biomechanisch tatsächlich auf die Einlage ansprechen (und keine Kniescheiben-Arthrose haben), lässt sich der Schmerz messbar senken – der Effekt ist klein, im passenden Einzelfall aber relevant. [5] Als einfache, kostengünstige und risikoarme Maßnahme ist eine solche Randerhöhung deshalb oft ein sinnvoller erster Schritt, bevor teurere Hilfsmittel eingesetzt werden. Passend dazu fragen die Kostenträger in Deutschland vor der Genehmigung aufwendiger Orthesen regelhaft, ob eine solche Versorgung bereits erfolgt ist.

Evidenz-Ampel Einlagen/Schuhranderhöhungen: im Mittel kein Nutzen, im ausgewählten Fall wirksam

Hilfsmittel werden in Deutschland bei entsprechender Indikation teils von den Krankenkassen übernommen – anders als die meisten Spritzenbehandlungen. Ihre Ärztin oder Ihr Arzt berät zur Verordnung.

Kurz gesagt — Hilfsmittel & Orthesen

Am besten belegt ist der schlichte Gehstock – er entlastet wirksam. Weiche Kniebandagen lindern über Kompression und Propriozeption spürbar den Schmerz. Knieorthesen können in passenden Fällen helfen; ein Entlastungs-Brace lässt sich zugleich als Vorab-Test für eine Umstellungsosteotomie nutzen. Keileinlagen bzw. Schuhranderhöhungen wirken im Durchschnitt nicht, im richtig ausgewählten Fall (passende Seite, biomechanischer Responder) aber durchaus – als einfache, günstige Maßnahme oft ein sinnvoller erster Schritt vor teuren Orthesen. Entscheidend sind die richtige Auswahl und Anpassung.

+  Quellen
  1. S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Gonarthrose (AWMF 187-050), Fassung 2024/2025 – Empfehlungen zu Bewegungs-/Kräftigungstraining (Empf. 8), aquatischer Bewegungstherapie, Elektrotherapie (TENS, Ultraschall), Gehhilfen und Orthesen.
  2. Bannuru RR, Osani MC, Vaysbrot EE, et al. OARSI guidelines for the non-surgical management of knee, hip, and polyarticular osteoarthritis. Osteoarthritis and Cartilage. 2019;27(11):1578–1589.
  3. Kolasinski SL, Neogi T, Hochberg MC, et al. 2019 ACR/Arthritis Foundation Guideline for the Management of Osteoarthritis of the Hand, Hip, and Knee. Arthritis & Rheumatology. 2020;72(2):220–233.
  4. Zur Wirkungslosigkeit im Gesamtkollektiv: Xing F, et al. Ineffectiveness of lateral-wedge insoles on the improvement of pain and function for medial knee osteoarthritis: a meta-analysis of controlled randomized trials. Archives of Orthopaedic and Trauma Surgery. 2018;138(10):1453–1462.
  5. Zur Wirkung bei ausgewählten Patienten: Efficacy of a lateral wedge insole for painful medial knee osteoarthritis after prescreening (Ausschluss biomechanischer Non-Responder und patellofemoraler Arthrose): randomisierte kontrollierte Studie, Osteoarthritis and Cartilage. 2018.
  6. Cudejko T, van der Esch M, van der Leeden M, et al. Effect of Soft Braces on Pain and Physical Function in Patients With Knee Osteoarthritis: Systematic Review With Meta-Analyses. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation. 2018;99(1):153–163.
  7. Cudejko T, van der Esch M, van den Noort JC, et al. The immediate effect of a soft knee brace on pain, activity limitations, self-reported knee instability, and self-reported knee confidence in patients with knee osteoarthritis. Arthritis Research & Therapy. 2017;19(1):260.
+  Autor & fachliche Prüfung

Autor

Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt

Fachlich gegengelesen von

Dr. med. Klaus Ruhnau

Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt

Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028