Gelenkdistraktion und Traktion – das Gelenk sanft entlasten

Bei der konservativen Gelenkdistraktion wird das Kniegelenk vorsichtig „auseinandergezogen", um den Druck auf den Knorpel kurzzeitig zu verringern. Das geschieht ohne Operation – meist als Traktionsbehandlung in der Physiotherapie. Die Idee klingt einleuchtend; die entscheidende Frage ist, was davon wirklich belegt ist.

Was damit gemeint ist

„Distraktion" heißt Auseinanderziehen. Bei der konservativen Variante wird über einen Zug (manuell durch die Therapeutin oder über ein Traktionsgerät) der Gelenkspalt für die Dauer der Behandlung leicht vergrößert. Das soll den Knorpel entlasten, die Gelenkflüssigkeit besser verteilen und Schmerzen lindern. Wichtig zur Abgrenzung: Das ist nicht die operative Kniegelenkdistraktion mit einem äußeren Gestell (Fixateur) – die ist ein Eingriff und steht bei den operativen Verfahren.

Kurz gesagt — Was es ist

Die konservative Gelenkdistraktion zieht das Knie sanft und ohne Operation auseinander, meist als Traktion in der Physiotherapie. Ziel ist eine vorübergehende Entlastung und Schmerzlinderung – kein dauerhafter Umbau des Gelenks.

Was die Studien zeigen – und was nicht

Ehrlich eingeordnet: Es gibt einige kleine Studien, aber keine große, hochwertige Evidenz. Kleinere randomisierte Studien und Fallserien berichten über eine kurzfristige Verbesserung von Schmerz und Beweglichkeit, wenn Traktion zusätzlich zur üblichen Physiotherapie gegeben wird. Die Untersuchungen sind aber klein, unterschiedlich durchgeführt und teils ohne Kontrollgruppe. Ein Knorpelaufbau oder ein Aufhalten der Arthrose ist auf diesem Weg nicht belegt – die mögliche Wirkung ist symptomatisch.

Entscheidend für die Einordnung: Die großen Arthrose-Leitlinien führen Traktion/Distraktion nicht als empfohlene Behandlung. Sie stellen einhellig Bewegung, Krafttraining, Gewichtsmanagement und Aufklärung an die erste Stelle. Die konservative Distraktion kann bestenfalls eine ergänzende, gut verträgliche Maßnahme für einen begrenzten Zeitraum sein – kein Ersatz für die Basis.

+  Für medizinisch Interessierte: die Evidenzlage im Detail

Die vorhandenen Arbeiten sind überwiegend kleine RCTs und Fallserien: Alpayci et al. (2012) fanden für intermittierende wie kontinuierliche Traktion eine Besserung von Schmerz und Funktion; Abdel-Aal et al. (2022) untersuchten Traktion aus verschiedenen Beugewinkeln; Khademi-Kalantari et al. (2013) zeigten einen Zusatznutzen der nicht-chirurgischen Distraktion gegenüber alleiniger Physiotherapie bei schwerer Gonarthrose. Fallserien zur Cox-Flexions-Distraktion (Albano 2017) und zur kontinuierlichen Traktion (Lee & Lee 2018) berichten VAS-Reduktionen, sind aber ohne Kontrolle. Für die manuelle Therapie insgesamt zeigt eine Meta-Analyse (Runge et al. 2022) einen kleinen Zusatznutzen ergänzend zur Bewegungstherapie. In den zusammenfassenden Leitlinien-Analysen (Conley 2023, Hunter 2019) taucht Traktion/Distraktion nicht unter den Kernempfehlungen auf. Fazit: geringe Evidenzqualität, allenfalls kurzfristiger symptomatischer Effekt. [1–6]

Traktion ist risikoarm, aber nicht für jeden geeignet (z. B. bei ausgeprägter Instabilität, frischen Verletzungen oder bestimmten Begleiterkrankungen). Ob und wie sie sinnvoll ist, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt bzw. Ihre Physiotherapeutin gemeinsam mit Ihnen.

Geräte für die Selbstanwendung zu Hause

Neben der Traktion in der Physiotherapie gibt es Geräte, mit denen man die Distraktion selbst zu Hause anwendet (sogenannte Autotraktion). Eine aktuelle Pilotstudie von QKG-Mitgliedern (Zinser, Zinser, Sturmair, Diemer 2025) hat ein solches nicht-invasives Heimgerät bei Knie- und Hüftarthrose untersucht: In einer anonymen Befragung von 39 regelmäßigen Nutzern sank der durchschnittliche Schmerz (Skala 0–10) von 6,8 auf 3,3, rund 72 % erreichten eine Schmerzlinderung von mindestens 30 %, und wer länger anwendete, profitierte tendenziell mehr. Knapp die Hälfte derjenigen, denen bereits ein Gelenkersatz empfohlen worden war, gab an, die Operation dadurch vermeiden oder aufschieben zu können (Selbstauskunft).

So ermutigend das klingt – es gilt dieselbe Vorsicht wie oben: Das war eine kleine, rückblickende Befragung ohne Kontrollgruppe (Pilotstudie); ein Placebo- und Auswahleffekt lässt sich damit nicht ausschließen, und ein Knorpelaufbau ist auch hier nicht belegt. Eine kontrollierte Studie (RCT) ist angekündigt. Zur Transparenz: Ein Mitautor der Studie ist zugleich mit einem Hersteller solcher Heimgeräte verbunden – die Ergebnisse sind entsprechend zurückhaltend einzuordnen. [8]

Beispiele für in Europa erhältliche, nicht-invasive Distraktionsgeräte – als Suchhilfe für die eigene Recherche:

  • Pery – Zuggerät für Knie und Hüfte: pery-mt.at
  • GEX – Extensions-/Traktionsgerät für Knie, Hüfte und Sprunggelenk: arthrose-gex.de
  • Flextrainer – CE-Medizinprodukt (Klasse I) zur Gelenktraktion an Knie und Hüfte: flextrainer.eu

Diese Auflistung ist keine Empfehlung oder Bewertung durch die QKG und nicht vollständig. Die Wirksamkeit solcher Geräte ist bisher nur eingeschränkt untersucht; einzelne Werbeaussagen der Hersteller (etwa zur „Knorpelregeneration") sind wissenschaftlich nicht belegt. Ob ein solches Gerät für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Kurz gesagt — Was belegt ist

Kleine Studien deuten auf eine kurzfristige Schmerz- und Funktionsbesserung hin, vor allem ergänzend zur Physiotherapie. Ein Knorpelaufbau ist nicht belegt, und die großen Leitlinien empfehlen Traktion nicht als Standard. Als risikoarme Ergänzung vertretbar – aber kein Ersatz für Bewegung, Kraft und Gewicht.

Evidenz-Ampel: begrenzte Evidenz, symptomatisch, nicht leitlinienempfohlen

Das Wichtigste auf einen Blick

Die konservative Gelenkdistraktion (Traktion) kann Beschwerden vorübergehend lindern und ist risikoarm. Sie baut keinen Knorpel auf und hält die Arthrose nicht auf, und sie steht in keiner großen Leitlinie als empfohlene Behandlung. Sinnvoll höchstens als Ergänzung – die am besten belegten Maßnahmen bleiben Bewegung, Krafttraining und Gewichtsmanagement.

+  Quellen
  1. Alpayci M, Ozkan Y, Yazmalar L, et al. A randomized controlled trial on the efficacy of intermittent and continuous traction for patients with knee osteoarthritis. Clin Rehabil. 2012;27(4):347–354.
  2. Abdel-Aal NM, et al. Mechanical traction from different knee joint angles in patients with knee osteoarthritis: a randomized controlled trial. Clin Rehabil. 2022.
  3. Khademi-Kalantari K, Mahmoodi Aghdam S, Akbarzadeh Baghban A, et al. Effects of non-surgical joint distraction in the treatment of severe knee osteoarthritis. J Bodyw Mov Ther. 2014;18(4).
  4. Albano L. Innovative application of Cox flexion distraction decompression to the knee: a retrospective case series. J Can Chiropr Assoc. 2017;61(2):153–161.
  5. Lee DK, Lee NY. Case study of continuous knee joint traction treatment on pain and quality of life of patients with degenerative gonarthritis. J Phys Ther Sci. 2018;30:848–849.
  6. Runge N, et al. The benefits of adding manual therapy to exercise therapy for knee or hip osteoarthritis: a systematic review with meta-analysis. J Orthop Sports Phys Ther. 2022.
  7. Conley B, et al. Core recommendations for osteoarthritis care: a systematic review of clinical practice guidelines. Arthritis Care Res. 2023.
  8. Zinser W, Zinser T, Sturmair E, Diemer F. Pilot Study on the Clinical Applicability of Non-invasive Joint Distraction using the JD Device for Knee and Hip Osteoarthritis: A Retrospective Observational Study. J Nov Physiother Phys Rehabil. 2025;12(1):006–012. doi:10.17352/2455-5487.000108.
+  Autor & fachliche Prüfung

Autor

Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt

Fachlich gegengelesen von

Dr. med. Klaus Ruhnau

Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt

Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028