Arthrosamid – das Hydrogel mit eigenem Wirkprinzip

Arthrosamid ist eine vergleichsweise neue Injektionsbehandlung bei Kniearthrose. Es unterscheidet sich grundlegend von der bekannten Hyaluronsäure – nicht in erster Linie durch den Wirkstoff, sondern durch das Wirkprinzip. Diese Seite ordnet ein, was das bedeutet und wie gut es belegt ist.

Arthrosamid ist in der EU seit 2021 als Medizinprodukt CE-zertifiziert (Kanada 2024); in den USA läuft das Zulassungsverfahren der FDA derzeit noch. [1] Es handelt sich um eine ärztliche Behandlung – diese Seite informiert, sie ersetzt keine individuelle Beratung.

Was Arthrosamid ist

Arthrosamid ist ein Hydrogel aus 2,5 % vernetztem Polyacrylamid und 97,5 % Wasser. [1, 2] Es wird einmalig in das Gelenk gespritzt. Weil es im Körper nicht abgebaut wird, wird es gelegentlich als „Bioprothese" beschrieben – ein stabiles, körperverträgliches Gerüst, das im Gelenk verbleibt.

Der entscheidende Unterschied zur Hyaluronsäure

Hier liegt der eigentliche Punkt. Beide werden ins Gelenk gespritzt, wirken aber völlig verschieden:

  • Hyaluronsäure wirkt als „Schmiermittel-Ersatz" (Viskosupplementation). Sie wird von körpereigenen Enzymen jedoch innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten abgebaut und muss deshalb wiederholt gegeben werden. [2]
  • Arthrosamid wird nicht abgebaut. Das Hydrogel integriert sich in die Gelenkinnenhaut (Synovia): Zellen der Synovialschicht wandern in das Gel ein und bilden eine neue Innenauskleidung. Das Gel wird so Teil der Gelenkinnenhaut und verdickt sie. [2, 3]

Vereinfacht: Hyaluronsäure ersetzt kurzzeitig die Gelenkflüssigkeit, Arthrosamid verändert dauerhaft die Gelenkinnenhaut. Genau deshalb gehört es auf eine eigene Seite und nicht unter „Hyaluronsäure".

+  Für medizinisch Interessierte: Wirkmechanismus

Das intraartikuläre Polyacrylamid-Hydrogel (iPAAG) wird nicht enzymatisch abgebaut. Histologisch zeigt sich eine Integration in die Synovialmembran durch Transposition der synovialen Deckzellschicht und Einwanderung ortsständiger Zellen, mit Bildung einer sub-synovialen Schicht bzw. einer neuen Lining-Schicht. [3] Diskutiert werden eine mechanische „Polsterung" und eine Modulation der Synovialis; ein struktureller Knorpelaufbau ist ausdrücklich nicht gezeigt. Der Effekt ist symptomorientiert (Schmerz, Funktion), nicht regenerativ.

Kurz gesagt — Was Arthrosamid ist

Arthrosamid ist ein nicht abbaubares Hydrogel (2,5 % Polyacrylamid, 97,5 % Wasser), das sich in die Gelenkinnenhaut integriert und dort verbleibt. Anders als Hyaluronsäure, die als Schmiermittel-Ersatz wirkt und rasch abgebaut wird, verändert Arthrosamid die Gelenkinnenhaut – ein grundlegend anderes Prinzip.

Was die Studien zeigen

Die wichtigste Studie ist eine randomisierte, kontrollierte Multicenter-Studie (Bliddal et al., Dänemark): Erwachsene mit symptomatischer, radiologisch gesicherter Kniearthrose erhielten einmalig entweder Arthrosamid oder Hyaluronsäure. Ziel war der Nachweis, dass Arthrosamid der Hyaluronsäure nicht unterlegen ist (Nicht-Unterlegenheit). Gemessen wurde vor allem mit dem WOMAC-Score (Schmerz, Steifigkeit, Funktion). [4]

Inzwischen liegen Langzeitdaten vor: eine 3-Jahres-Nachbeobachtung (Osteoarthritis and Cartilage, 2024) und 5-Jahres-Daten (Clinical and Experimental Rheumatology) zeigen eine über die Zeit anhaltende Schmerzreduktion nach einer einzigen Injektion sowie ein gutes Sicherheitsprofil. [4, 5]

2025 wurden zudem erstmals 10-Jahres-Daten vorgestellt (Bliddal et al., OARSI-Kongress 2025): In einer Nachbeobachtung von 61 off-label behandelten Patienten (89 Knie) über im Mittel rund zehn Jahre fanden sich keine dem Hydrogel zurechenbaren schwerwiegenden Nebenwirkungen – keine allergischen Reaktionen, keine produktbedingten Infektionen. Das unterstreicht das gute Langzeit-Sicherheitsprofil. Wichtig zur Einordnung: Es handelt sich um eine rückblickende Sicherheits-Nachbeobachtung, nicht um einen Wirksamkeitsnachweis über zehn Jahre – und knapp die Hälfte der Knie (44 %) erhielt im Verlauf dennoch ein Kunstgelenk (im Mittel gut drei Jahre nach der Injektion). [6]

Ehrliche Einordnung. Die bisherige Evidenz ist vielversprechend, hat aber Grenzen: Der Hauptvergleich erfolgte gegen Hyaluronsäure, deren eigener Nutzen bei Arthrose in Leitlinien umstritten ist – „nicht schlechter als Hyaluronsäure" ist also ein begrenzter Maßstab. Ein Teil der Studien wurde vom Hersteller unterstützt, und unabhängige Langzeitdaten sammeln sich erst an. Ein Knorpelaufbau findet nicht statt; der Nutzen ist symptomatisch.

Für wen kommt es infrage?

Arthrosamid richtet sich an Menschen mit symptomatischer Kniearthrose, bei denen Basismaßnahmen (Bewegung, Krafttraining, Gewicht) und einfache Behandlungen nicht ausreichend wirken und die eine Operation vermeiden oder hinauszögern möchten. Ein möglicher Vorteil gegenüber Hyaluronsäure ist die Einmalgabe mit langer Wirkdauer statt wiederholter Injektionen.

Ein wichtiger Unterschied betrifft den Schweregrad: Arthrosamid wird typischerweise bei fortgeschrittener Arthrose (Grad 3–4) eingesetzt – also dann, wenn der Knorpelschaden ausgeprägter ist und andere Injektionen wie Hyaluronsäure, PRP oder die Interleukin-Therapie, die eher bei leichter bis mittelgradiger Arthrose (Grad 2–3) zum Einsatz kommen, oft nicht mehr genügen. Was die Grade bedeuten, steht unter Schweregrade und Klassifikationen.

Wie bei jeder Gelenkinjektion sind Infektionsrisiko und Kontraindikationen zu beachten; die Indikation stellt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Die Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht übernommen.

Kurz gesagt — Arthrosamid

Eine einmalige Hydrogel-Injektion mit anhaltender Schmerzlinderung über mehrere Jahre – ein anderes Wirkprinzip als Hyaluronsäure. Die Daten sind vielversprechend, aber überwiegend gegen Hyaluronsäure geprüft und teils herstellernah. Ein Knorpelaufbau erfolgt nicht; der Nutzen ist symptomatisch. Sinnvoll vor allem, wenn Basismaßnahmen nicht ausreichen und eine OP vermieden werden soll.

Evidenz-Ampel: plausibel bis moderat, symptomatisch

+  Quellen
  1. Herstellerinformation / regulatorischer Status (CE-Kennzeichnung EU 2021, Health Canada 2024). (Bitte finale, unabhängige Quelle für den Zulassungsstatus ergänzen – z. B. BfArM/CE-Datenbank statt Herstellerseite.)
  2. Übersichtsarbeit zu Zusammensetzung, Stabilität und Abgrenzung zur Hyaluronsäure (Polyacrylamid-Hydrogel, systematischer Review). (Vollzitat ergänzen.)
  3. Christensen L. et al. – Integration von Polyacrylamid-Hydrogel in die Synovialmembran (histologische Grundlagenarbeit). (Vollzitat ergänzen.)
  4. Bliddal H. et al. Polyacrylamide hydrogel vs. hyaluronic acid for knee osteoarthritis – randomisierte kontrollierte Studie; 3-Jahres-Nachbeobachtung. Osteoarthritis and Cartilage. 2024. (Band/Seiten ergänzen.)
  5. 5-Jahres-Daten zu 2,5 % iPAAG bei Kniearthrose. Clinical and Experimental Rheumatology. (Jahr/Band ergänzen.)
  6. Bliddal H, Hartkopp A, Conaghan PG, Henriksen M. 10-year follow-up after intra-articular injections of 2.5 % polyacrylamide hydrogel for knee osteoarthritis. OARSI-Kongress 2025 (Rom), Oral Communication OC11; Abstract in Osteoarthritis and Cartilage. 2025. – Rückblickende Sicherheits-Nachbeobachtung (61 Patienten, 89 Knie, im Mittel 9,9 Jahre); herstellerunabhängig durch institutionellen Grant unterstützt.
+  Autor & fachliche Prüfung

Autor

Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt

Fachlich gegengelesen von

Dr. med. Klaus Ruhnau

Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt

Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028