Stammzelltherapie: zwischen echter Hoffnung und viel Marketing

Kaum ein Begriff weckt so große Erwartungen wie „Stammzellen". Bei Knorpelschäden werden damit meist Zellen aus dem eigenen Knochenmark, Fettgewebe oder der Gelenkschleimhaut gemeint. Manches daran ist wissenschaftlich vielversprechend, vieles, was kommerziell beworben wird, ist es nicht. Diese Seite trennt beides: Was sind diese Zellen wirklich, was zeigen die Studien, und warum ist das Verfahren in Deutschland (noch) nicht zugelassen?

Was mit „Stammzellen" gemeint ist

Die Zellen, die hier zum Einsatz kommen, sind in aller Regel keine embryonalen Stammzellen, sondern mesenchymale Stromazellen aus dem eigenen Körper, gewonnen aus Knochenmark, Fettgewebe oder Gelenkschleimhaut. Lange nahm man an, sie würden sich im Gelenk einfach in neuen Knorpel „verwandeln". Heute geht die Forschung eher davon aus, dass sie vor allem über Botenstoffe wirken: Sie dämpfen Entzündung und regen umliegende Zellen an. Einer der Pioniere des Feldes schlug sogar vor, den irreführenden Namen „Stammzellen" durch „medizinische Signalzellen" zu ersetzen.

Das ist mehr als Wortklauberei: Es erklärt, warum die Wirkung, wenn vorhanden, eher lindernd als knorpelaufbauend ist, und warum Werbeversprechen von „nachwachsendem Knorpel durch eine Spritze" mit Vorsicht zu genießen sind.

Kurz gesagt: Kurz gesagt, Was es ist

„Stammzelltherapie" meint meist körpereigene mesenchymale Stromazellen aus Knochenmark, Fett oder Gelenkschleimhaut. Sie wirken wahrscheinlich vor allem über entzündungsdämpfende Botenstoffe, nicht durch echten Knorpelaufbau. Vieles ist vielversprechend, aber unbewiesen, und stark von Marketing überlagert.

Wie es angewendet wird

Man muss zwei sehr unterschiedliche Situationen auseinanderhalten. Zum einen die chirurgische Anwendung bei einem umschriebenen Defekt: Dabei wird während einer Operation Knochenmark entnommen, aufkonzentriert (Knochenmarkaspirat-Konzentrat) und zusammen mit einer Matrix in den Defekt eingebracht, einzeitig, ähnlich der Minced Cartilage. Für diesen Weg gibt es die vielversprechendsten Daten.

Zum anderen die vielerorts beworbene Injektion „ins Gelenk" bei Arthrose, oft aus Fettgewebe gewonnen und teuer als Selbstzahlerleistung angeboten. Hier ist die Studienlage deutlich schwächer, und die Versprechen übersteigen den Beleg meist bei Weitem.

+  Für medizinisch Interessierte: Verfahrensvarianten
  • Knochenmarkaspirat-Konzentrat (BMAC, englisch Bone Marrow Aspirate Concentrate): aus dem Knochenmark (meist Beckenkamm) gewonnenes und durch Zentrifugation aufkonzentriertes Material, das mesenchymale Stromazellen, Knochenmarkbestandteile und Wachstumsfaktoren enthält. Ablauf: intraoperative Aspiration, Zentrifugation, Applikation mit Trägermatrix im Defekt, einzeitig, ohne Zellkultivierung.
  • Fettgewebe-basiert: stromale vaskuläre Fraktion bzw. aus Fett gewonnene Zellen, überwiegend als intraartikuläre Injektion.
  • Synovial-/kultiviert-expandierte Zellen: im Labor vermehrte mesenchymale Stromazellen, rechtlich Arzneimittel für neuartige Therapien (ATMP), in Deutschland für den Knorpel nicht regulär zugelassen.
  • Häufige Kombination mit Trägermatrix, PRP oder Hyaluronsäure.
+  Für medizinisch Interessierte: Vor- und Nachteile

Mögliche Vorteile:

  • einzeitig und autolog (bei BMAC), theoretisch entzündungsmodulierend
  • geringe Entnahmemorbidität; als Beimischung zu etablierten Verfahren denkbar

Nachteile / offene Fragen:

  • keine reguläre Zulassung für die Knorpeltherapie in Deutschland
  • heterogene Zellpräparate, uneinheitliche Protokolle, schwer vergleichbare Studien
  • Wirkmechanismus (Differenzierung vs. Signalgebung) nicht abschließend geklärt
  • Sicherheitsfragen (unkontrolliertes Wachstum, Bildung von Knochen statt Knorpel) müssen für zugelassene Produkte ausgeschlossen sein
  • starke kommerzielle Bewerbung, häufig als teure Selbstzahlerleistung ohne belastbaren Nutzennachweis
+  Für medizinisch Interessierte: Ergebnisse und Studienlage
  • Systematische Übersichten sehen die zellbasierte Knorpeltherapie als vielversprechend, aber uneinheitlich belegt; viele Studien haben niedrige Evidenzqualität und kleine Fallzahlen. [1, 4]
  • Für das chirurgische Knochenmarkkonzentrat mit Trägermatrix gibt es einzelne Langzeitdaten, die im Verlauf ähnlich gute Ergebnisse wie die mACT berichten. [2]
  • Die Umbenennungsdebatte („medizinische Signalzellen") unterstreicht, dass der Effekt wahrscheinlich eher parakrin/entzündungsmodulierend als knorpelbildend ist. [3, 5]
  • Für intraartikuläre Injektionen bei Arthrose ist der Beleg am schwächsten; hier überwiegen Marketing und Erwartung die Datenlage.

Zulassung und Sicherheit

Weil es sich um ein „Stammzellverfahren" handelt, gelten hohe Anforderungen: Die europäische Zulassungsbehörde (EMA) und in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut verlangen den Nachweis, dass keine Gefahren wie eine bösartige Entwicklung entstehen und dass die Zellen tatsächlich Knorpel und nicht Knochen oder anderes Bindegewebe bilden. Kultivierte, vermehrte Zellen sind rechtlich ein Arzneimittel und dürfen nur mit entsprechender Zulassung angewendet werden. Bis solche Verfahren in Deutschland regulär etabliert sind, dürften noch etliche Jahre vergehen.

Vorsicht bei kommerziellen Angeboten. „Stammzell"-Behandlungen werden häufig als teure Selbstzahlerleistung beworben, teils mit Heilsversprechen, die durch Studien nicht gedeckt sind. Wenn Ihnen ein solches Verfahren angeboten wird, fragen Sie nach der rechtlichen Zulassung, nach belastbaren Studien und nach den realistischen Erwartungen. Die Indikation stellt Ihre behandelnde Ärztin oder Ihr behandelnder Arzt; diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung.

Nachbehandlung

Bei chirurgischer Anwendung im Defekt entspricht die Nachbehandlung der anderer knorpelregenerativer Verfahren (Entlastung, kontinuierliche passive Bewegung), Einzelheiten unter Nachbehandlung & Reha. Ergänzend gilt: Die QKG empfiehlt, abweichend vom klassischen, langen Entlastungsschema, eine phasenadaptierte, möglichst frühe Vollbelastung; das phasengerechte Vorgehen und die Begründung stehen im Kapitel Nachbehandlung & Reha.

Evidenz-Ampel: experimentell und in Deutschland nicht regulär zugelassen; einzelne vielversprechende Ergebnisse (v. a. chirurgisches Knochenmarkkonzentrat), aber uneinheitliche Evidenz und viel kommerzielles Marketing

Das Wichtigste auf einen Blick

Die Stammzelltherapie ist ein hoffnungsvolles Zukunftsfeld, aber noch kein etabliertes Standardverfahren. Am ehesten überzeugt das chirurgische Knochenmarkkonzentrat bei umschriebenen Defekten, für das es erste gute Langzeitdaten gibt. Die vielbeworbenen Stammzell-Spritzen bei Arthrose halten dagegen selten, was sie versprechen.

Wichtig zu wissen: Die eingesetzten Zellen wirken wahrscheinlich eher über Botenstoffe als durch echten Knorpelaufbau, und für die Knorpeltherapie besteht in Deutschland keine reguläre Zulassung. Wer ein kommerzielles Angebot erwägt, sollte kritisch nach Zulassung, Studien und realistischem Nutzen fragen.

Der belegte Goldstandard für größere Knorpeldefekte bleibt die Knorpelzelltransplantation (mACT).

+  Quellen
  1. Jaibaji M, Jaibaji R, Volpin A. Mesenchymal stem cells in the treatment of cartilage defects of the knee: a systematic review of the clinical outcomes. Am J Sports Med. 2021. doi:10.1177/0363546520986812.
  2. Gobbi A, Scotti C, Karnatzikos G, Mudhigere A, Castro M, Peretti GM. One-step surgery with multipotent stem cells and hyaluronan-based scaffold for the treatment of full-thickness chondral defects of the knee in patients older than 45 years. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2017;25(8):2494–2501. doi:10.1007/s00167-016-3984-6.
  3. Caplan AI. Mesenchymal stem cells: time to change the name! Stem Cells Transl Med. 2017;6(6):1445–1451. doi:10.1002/sctm.17-0051.
  4. Gupta PK, Das AK, Chullikana A, Majumdar AS. Mesenchymal stem cells for cartilage repair in osteoarthritis. Stem Cell Res Ther. 2012;3(4):25.
  5. Caplan AI. Mesenchymal stem cells: the past, the present, the future. Cartilage. 2010;1(1):6–9. doi:10.1177/1947603509354992.
  6. Zinser W, Obwegeser F, Albrecht C, et al. Empfehlungen des Expertenkreis Gelenkserhalt und Knorpelregeneration Österreich zur Behandlung von Knorpelschäden am Kniegelenk (in Kooperation mit ÖGOuT und der QKG). 2025. Übersicht mit Tabelle: qkg-gesellschaft.de/artikel/empfehlungen-des-expertenkreis-gelenkserhalt-und-knorpelregeneration-oesterreich-zur-behandlung-von-knorpelschaeden-am-kniegelenk-2025/., Von der QKG mitgetragene Empfehlung; BMAC/„mBMS Plus" als zellbasierte Potenzialmethode (begrenzte Evidenz).
+  Autor & fachliche Prüfung

Autor

Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Fachlich gegengelesen von

Dr. med. Klaus Ruhnau

Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028