Knorpel-Knochen-Transplantation (OCT): gesunder Knorpel samt Knochen verpflanzt
Bei der Knorpel-Knochen-Transplantation wird ein Zylinder aus gesundem Knorpel mitsamt dem darunterliegenden Knochen aus einem wenig belasteten Bereich entnommen und in den Defekt verpflanzt, wie ein Dübel in ein Bohrloch. Fachlich heißt das Verfahren osteochondrale Transplantation (OCT); geläufig sind auch die Begriffe Mosaikplastik (bei mehreren Zylindern) und, englisch, OATS. Anders als die meisten Verfahren bringt sie sofort echten, reifen Gelenkknorpel ein, nicht erst nachwachsendes Ersatzgewebe. Das macht sie besonders bei Knorpel-Knochen-Schäden und für Sportler interessant.
Woher das Verfahren kommt
Die Idee, gesunde Knorpel-Knochen-Zylinder zu verpflanzen, wurde bereits 1952 beschrieben und 1964 als „Dübelplastik" etabliert; seit 1993 ist sie auch arthroskopisch möglich. Werden mehrere Zylinder nebeneinander eingesetzt, spricht man von einer Mosaikplastik, das Bild eines Mosaiks aus vielen kleinen Steinchen. Für kleine Defekte liegen gute bis sehr gute Langzeitergebnisse über 10–20 Jahre vor.
Das Behandlungsprinzip: worum es geht
Das Prinzip ist mechanisch einfach und einleuchtend: Aus einem gering belasteten Bereich des Gelenks (meist am Rand des Kniescheibengleitlagers) wird ein Knorpel-Knochen-Zylinder gewonnen. Der Defekt wird passend ausgefräst, wobei das Empfängerloch etwas kleiner angelegt wird als der Spenderzylinder. Der Zylinder wird dann pressfit, wie ein Holzdübel, vorsichtig eingeschlagen und sitzt sofort fest. Der Defekt ist damit unmittelbar mit vollwertigem, gesundem Knorpel gedeckt.
Die stärkste Domäne ist die Osteochondrosis dissecans (OD) und der traumatische Knorpel-Knochen-Schaden, also Fälle, in denen auch der Knochen unter dem Knorpel betroffen ist. Denn die Transplantation behandelt beides in einem Schritt: Knorpel und Knochen.
Was ist eine Osteochondrosis dissecans? Dabei stirbt ein umschriebener, gelenknaher Knochenbezirk allmählich ab; der darüberliegende Knorpel geht mit zugrunde und kann sich schließlich als knorpel-knöchernes Stück lösen, die sogenannte „Gelenkmaus", die frei im Gelenk Beschwerden und Blockaden verursacht. Ab Stadium 3–4 (im Röntgen abgegrenzt bzw. herausgelöst) besteht eine Operationsindikation.
Kurz gesagt: Kurz gesagt, Was es ist
Ein Zylinder aus gesundem Knorpel plus Knochen wird aus einem wenig belasteten Bereich entnommen und pressfit („wie ein Dübel") in den Defekt eingesetzt, mehrere Zylinder ergeben eine Mosaikplastik. Vorteil: sofort echter Gelenkknorpel und rasche Belastbarkeit. Ideal bei Osteochondrosis dissecans und kleinen Knorpel-Knochen-Schäden, besonders bei jungen Sportlern.
+ Für medizinisch Interessierte: Technik
- Transplantiert wird gesunder hyaliner Knorpel mit intaktem subchondralem Knochen; mehrere Zylinder = Mosaikplastik.
- Entnahme aus gering belasteten Arealen (medialer/lateraler Trochlearand, Notch, dorsale Kondylen, letztere über Zugang nach Trickey, meist mit besonders passender Konvexität).
- Der Spenderzylinder sollte die Konvexität des Defektareals treffen und im gleichen Winkel zur Knorpeloberfläche gewonnen werden wie bei der Defektpräparation.
- Einbringen im Pressfit; viele leichte statt weniger starker Schläge (Vermeidung von Knorpelnekrosen), leichter Hammer, Einschläger dicker als das Transplantat (kein Versenken unter Knorpelniveau).
- Typische Zylinderlänge ca. 15 mm; auf Geometrie, Defekttiefe und Bone Bruises achten.
- Instrumentensysteme (Info für Behandler): In Deutschland stehen u. a. das OATS®-System (Arthrex), das Diamond-Bone-Cutting-System (DBCS) von Articomed sowie das SDI-System von BoneArtis zur Verfügung. Die Technik selbst („OCT/Mosaikplastik") ist herstellerunabhängig.
- Wenige Zylinder bevorzugen: empfohlen sind wegen der Entnahmemorbidität max. 1–2 Zylinder; viele Zylinder verschlechtern das Ergebnis deutlich. Retropatellar wird die Technik nicht empfohlen, da es keine Entnahmestelle gibt, die die Dicke des retropatellaren Knorpels rekonstruieren kann (Folge: überstehende Knochenstrukturen, unphysiologische Druck-/Scherkräfte). [8]
- Osteochondrale Allografts (Spendergewebe) erlauben größere Defekte ohne Entnahmemorbidität, sind aber nur 1–2 Wochen haltbar, begrenzt verfügbar und teuer; relevante Abstoßungsreaktionen sind nicht zu erwarten.
- Hüftgelenk: aus anatomischen Gründen nur bei osteochondralen Defekten am Hüftkopf, nicht bei rein chondralen Defekten oder am Acetabulum (ungünstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis).
Intraoperative Bilder - Instrumente - Technik
+ Für medizinisch Interessierte: Vor- und Nachteile
Vorteile:
- einzeitig, kostengünstig, teils arthroskopisch
- Defekt sofort mit vollwertigem hyalinem Knorpel gedeckt; rasche knöcherne Einheilung und Rehabilitation
- hohe Patientenzufriedenheit
Nachteile:
- Entnahmemorbidität am Spenderareal (~3–5 % Beschwerden)
- häufig Oberflächeninkongruenz/Stufenbildung; technisch anspruchsvoll, erfahrungsabhängig
- aus einem (teils rein chondralen) Schaden wird ein Knorpel-Knochen-Defekt; Zylinder heilen nicht immer knöchern ein
- der transplantierte Knorpel verbindet sich nicht mit dem Umgebungsknorpel (schmaler Narbenspalt); gelegentlich subchondrale Zysten/Bone Bruise
- begrenzt auf kleine Defekte (max. 2–3 Zylinder), patellar eher schlechtere Ergebnisse
+ Für medizinisch Interessierte: Indikationen und Kontraindikationen
Indikation:
- Knorpel- und/oder Knorpel-Knochen-Schaden Grad 3–4 (ICRS) im gewichtstragenden Bereich der Femurkondylen oder femoropatellar
- ideal: kleine osteochondrale Defekte bis ~1,5 cm² an den Kondylen (Osteochondrosis dissecans, traumatisch), max. 2 Zylinder
- für aktive Sportlerinnen und Sportler mit kleinen Defekten bis ~1,5 cm² Therapie der Wahl
Kontraindikationen:
- größere Defekte > 2 cm², Alter > 60 Jahre
- entzündliche Gelenkerkrankung, Achsfehlstellung/Bandinstabilität, fehlende Compliance
- relativ: Gonarthrose > Grad 2 nach Kellgren-Lawrence
+ Für medizinisch Interessierte: Ergebnisse und Studienlage
- Gut untersuchtes, altbewährtes Verfahren (u. a. 13 Studien, davon Level I–III, zwei Metaanalysen; mittleres Alter 27–31 Jahre, mittlere Defektgröße 2–4 cm²).
- In nahezu allen Studien besser als die Mikrofrakturierung, im Langzeitverlauf jedoch (bis auf eine Studie) der mACT unterlegen.
- Versagerrate nach > 10 Jahren zwischen ~10 % und ~55 % (im Mittel ~36 %); Aktivitätsniveau teils etwas unter dem präoperativen Stand.
- 3–5 % Komplikationen am Entnahmeareal; der transplantierte Knorpel verbindet sich nicht mit dem Umgebungsknorpel.
Nachbehandlung
Ein Vorteil des Verfahrens ist die vergleichsweise kurze Rehabilitation: Da der Defekt sofort mit festem Knorpel gedeckt ist, folgt meist eine Teilbelastung über etwa 4–6 Wochen, Belastbarkeit nach rund 6 Wochen und Sportfähigkeit nach etwa 3 Monaten, abhängig von Größe und Lage des Defekts. Einzelheiten stehen unter Nachbehandlung & Reha. Ergänzend gilt: Die QKG empfiehlt, abweichend vom klassischen, langen Entlastungsschema, eine phasenadaptierte, möglichst frühe Vollbelastung; das phasengerechte Vorgehen und die Begründung stehen im Kapitel Nachbehandlung & Reha.
Ob dieses Verfahren im Einzelfall infrage kommt, entscheidet Ihre behandelnde Ärztin oder Ihr behandelnder Arzt nach Untersuchung, Bildgebung und Abwägung der Begleitfaktoren. Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung.
Evidenz-Ampel: bei kleinen osteochondralen Defekten und Osteochondrosis dissecans etabliert und wirksam (rasche Belastbarkeit, echter Knorpel), aber auf kleine Defekte begrenzt, mit Entnahmemorbidität und langfristig der mACT unterlegen
Das Wichtigste auf einen Blick
Die Knorpel-Knochen-Transplantation ist ein bewährtes, einzeitiges Verfahren mit einem einzigartigen Vorteil: Sie bringt sofort echten, reifen Gelenkknorpel in den Defekt und erlaubt eine rasche Belastung. Ihre Stärke liegt bei Knorpel-Knochen-Schäden und der Osteochondrosis dissecans, dort, wo auch der Knochen mitbehandelt werden muss –, und bei jungen Sportlerinnen und Sportlern, die schnell wieder belastbar sein müssen.
Aus Sicht der QKG gilt sie für osteochondrale Defekte (nicht für rein chondrale) und nur für kleine Defekte (ideal bis ca. 1,5 cm², max. ~2 cm²) mit möglichst 1–2 Zylindern. Grenzen sind die begrenzte Zylindermenge samt Entnahmemorbidität, die anspruchsvolle stufenfreie Einpassung und die im Langzeitvergleich der Knorpelzelltransplantation unterlegenen Ergebnisse. Für größere Defekte ist die mACT vorzuziehen.
+ Quellen
- Hangody L, Füles P. Autologous osteochondral mosaicplasty for the treatment of full-thickness defects of weight-bearing joints: ten years of experimental and clinical experience. J Bone Joint Surg Am. 2003;85-A(Suppl 2):25–32.
- Solheim E, Hegna J, Øyen J, Harlem T, Strand T. Results at 10 to 14 years after osteochondral autografting (mosaicplasty) in articular cartilage defects in the knee. The Knee. 2013;20(4):287–290. doi:10.1016/j.knee.2013.01.001.
- Bentley G, Biant LC, Vijayan S, Macmull S, Skinner JA, Carrington RWJ. Minimum ten-year results of a prospective randomised study of autologous chondrocyte implantation versus mosaicplasty for symptomatic articular cartilage lesions of the knee. J Bone Joint Surg Br. 2012;94-B(4):504–509.
- Gudas R, Gudaitė A, Pocius A, et al. Ten-year follow-up of a prospective, randomized clinical study of mosaic osteochondral autologous transplantation versus microfracture for osteochondral defects in the knee joint of athletes. Am J Sports Med. 2012;40(11):2499–2508.
- Meenen NM, Petersen JP, Ueblacker P. Osteochondrale Transplantation. Trauma Berufskrankh. 2009;11(Suppl 1):49–54. doi:10.1007/s10039-008-1461-2.
- Li Z, Zhu T, Fan W. Osteochondral autograft transplantation or autologous chondrocyte implantation for large cartilage defects of the knee: a meta-analysis. Cell Tissue Bank. 2016;17(1):59–67. doi:10.1007/s10561-015-9515-8.
- Historische Erstbeschreibungen: Wilson & Jacobs (1952) und Wagner (Dübelplastik, 1964); erste arthroskopische Technik: Matsusue Y, Yamamuro T, Hama H. Arthroscopic multiple osteochondral transplantation to the chondral defect in the knee associated with anterior cruciate ligament disruption. Arthroscopy. 1993;9(3):318–321. doi:10.1016/S0749-8063(05)80428-1.
- Zinser W, Obwegeser F, Albrecht C, et al. Empfehlungen des Expertenkreis Gelenkserhalt und Knorpelregeneration Österreich zur Behandlung von Knorpelschäden am Kniegelenk (in Kooperation mit ÖGOuT und der QKG). 2025. Übersicht mit Tabelle: qkg-gesellschaft.de/artikel/empfehlungen-des-expertenkreis-gelenkserhalt-und-knorpelregeneration-oesterreich-zur-behandlung-von-knorpelschaeden-am-kniegelenk-2025/., Von der QKG mitgetragene Empfehlung; OCT chondral/osteochondral bis 1,5 cm², max. 1–2 Zylinder, retropatellar nicht empfohlen.
+ Autor & fachliche Prüfung
Autor
Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)
Fachlich gegengelesen von
Dr. med. Klaus Ruhnau
Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)
Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028