Stoßwellentherapie: am Gelenk und drumherum
Die Stoßwellentherapie hat bei Gelenkbeschwerden einen zwiespältigen Ruf, zu Recht. Denn ihr Nutzen hängt stark davon ab, was behandelt wird: das Arthrose-Gelenk selbst oder die schmerzenden Sehnen, Muskeln und Faszien drumherum. Diese Seite trennt beides sauber.
Was ist die Stoßwellentherapie?
Bei der extrakorporalen Stoßwellentherapie (ESWT) werden von außen energiereiche Druckwellen auf das Gewebe gerichtet. Ursprünglich stammt das Verfahren aus der Nierensteinbehandlung; heute wird es bei verschiedenen orthopädischen Beschwerden eingesetzt. Es ist nicht-invasiv und nebenwirkungsarm.
Am Arthrose-Gelenk selbst: begrenzte Evidenz
Für die Kniearthrose ist die Datenlage gemischt: Einzelne Metaanalysen berichten über Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung gegenüber Scheinbehandlung, vor allem bei leichter bis mittelgradiger Arthrose; für fortgeschrittene Stadien reicht die Evidenz nicht. Die deutsche S3-Leitlinie stuft die Evidenz als unzureichend ein und empfiehlt die Stoßwellentherapie am Gelenk nicht. [1]
Einordnung: ein risikoarmes Verfahren mit vielversprechenden, aber begrenzten und uneinheitlichen Daten, kein Standard, im Einzelfall bei leichter Arthrose erwägbar.
Evidenz-Ampel Stoßwelle am Kniegelenk: begrenzte, uneinheitliche Evidenz
Bei Sehnen-, Muskel- und Faszienbeschwerden: gut belegt
Jetzt der eigentlich starke Punkt. Bei Arthrose schmerzt selten nur das Gelenk, oft auch das Gewebe drumherum: gereizte Sehnenansätze, verspannte Muskeln und Faszien. Genau dafür ist die Stoßwellentherapie gut belegt. Bei Sehnenbeschwerden, etwa Kalkschulter, Fersensporn/Plantarfasziitis, Tennisellenbogen sowie Achilles- und Patellasehne, lindert sie Schmerzen wirksam [2]. Auch beim myofaszialen Schmerzsyndrom (schmerzhafte Muskel- und Faszienverspannungen) senkt sie den Schmerz deutlich gegenüber Scheinbehandlung, wenn auch nicht klar besser als etablierte Verfahren wie die Triggerpunkt-Behandlung [3].
Weil solche Begleitbeschwerden bei Arthrose sehr häufig sind, ist die Stoßwellentherapie hier, gezielt auf die schmerzhaften Weichteile gerichtet, nicht auf den Knorpel, eine sinnvolle Behandlungsoption.
Evidenz-Ampel Stoßwelle bei Sehnen-, Muskel- und Faszienbeschwerden: gut belegt
+ Für medizinisch Interessierte
Für die Stoßwellentherapie am Gelenk bewertet die deutsche S3 die Evidenz als unzureichend; einzelne Metaanalysen zeigen bei leichter bis mittelgradiger Gonarthrose moderate Effekte auf Schmerz und Funktion gegenüber Sham, mit heterogener Studienqualität und geringen Fallzahlen. Davon zu trennen ist die gut belegte Indikation bei periartikulären Weichteilbeschwerden: Für Tendinopathien (u. a. kalzifizierende Rotatorenmanschetten-Tendinopathie, Plantarfasziitis, Epicondylopathie, Achilles- und Patellatendinopathie) ist die ESWT durch mehrere aktuelle systematische Reviews und Metaanalysen gestützt [2]; beim myofaszialen Schmerzsyndrom ist sie gegenüber Sham wirksam, gegenüber Triggerpunkt-Injektion/Dry Needling aber nicht überlegen [3]. Fokussierte und radiale Stoßwellen unterscheiden sich in Eindringtiefe und Anwendung; die Protokolle sind uneinheitlich.
Kurz gesagt: Stoßwellentherapie
Am Arthrose-Gelenk selbst ist der Nutzen begrenzt und uneinheitlich, die S3-Leitlinie empfiehlt sie dort nicht. Bei den begleitenden Sehnen-, Muskel- und Faszienbeschwerden, die bei Arthrose häufig sind, ist sie dagegen gut belegt und eine sinnvolle, nebenwirkungsarme Option. Sie ersetzt nicht Bewegung, Krafttraining und Gewichtsmanagement.
+ Quellen
- S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Gonarthrose (AWMF 187-050), Fassung 2024/2025, Bewertung der Stoßwellentherapie am Gelenk.
- Zu Tendinopathien: Brindisino F, et al. The effectiveness of extracorporeal shock wave therapy for rotator cuff calcific tendinopathy: a systematic review with meta-analysis. Physiotherapy Research International. 2024., sowie eine systematische Übersicht und Metaanalyse zur Schmerzwirkung der ESWT bei verschiedenen Tendinopathien, BMC Sports Science, Medicine and Rehabilitation. 2024;16. doi:10.1186/s13102-024-00884-8.
- Zum myofaszialen Schmerzsyndrom: Wu Q, et al. Efficacy of extracorporeal shock waves in the treatment of myofascial pain syndrome: a systematic review and meta-analysis of controlled clinical studies. Annals of Translational Medicine.
+ Autor & fachliche Prüfung
Autor
Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)
Fachlich gegengelesen von
Dr. med. Klaus Ruhnau
Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)
Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028