Umstellungsosteotomie: die Beinachse korrigieren, das Gelenk entlasten
Ein O-Bein lenkt die Last einseitig auf die Innenseite des Knies, genau dort entsteht dann oft zuerst eine Arthrose. Die Umstellungsosteotomie korrigiert die Beinachse und verlagert die Belastung von der abgenutzten auf die noch gesunde Seite. So lässt sich ein Gelenk erhalten und eine Prothese oft um Jahre hinauszögern. Und das Beste: Ihre Wirkung lässt sich vor der Operation mit einem Test ausprobieren.
Warum die Achse über die Arthrose entscheidet
Läuft die Belastungslinie des Beins nicht mittig durchs Knie, wird ein Gelenkabschnitt („Kompartiment") dauerhaft überlastet. Beim O-Bein (Varus) ist das die Innenseite, beim X-Bein (Valgus) die Außenseite. Diese Fehlbelastung ist eine der häufigsten Ursachen dafür, dass sich der Knorpel einseitig abnutzt, bis hin zur einseitigen (unikompartimentellen) Arthrose. Was Fehlbelastung und Arthrose verbindet, steht unter Knorpelschaden und Arthrose.
Solange nur ein Kompartiment betroffen ist und die andere Seite noch gut erhalten ist, setzt hier die Umstellungsosteotomie an: Statt das Gelenk zu ersetzen, wird die Ursache, die Fehlstellung, behoben.
Das Behandlungsprinzip: Last umverteilen
Bei der Operation wird der Knochen nahe dem Knie gezielt durchtrennt und in korrigierter Stellung wieder fixiert (meist mit einer Platte). Dadurch wandert die Belastungslinie aus dem geschädigten Kompartiment heraus. Wichtig und typisch für die Behandlung der Arthrose: Man korrigiert etwas über die Mitte hinaus, eine leichte Überkorrektur –, damit das kranke Kompartiment wirklich spürbar entlastet wird.
Entscheidend für ein gutes Ergebnis ist eine genaue Planung: Vor dem Eingriff wird am Ganzbeinröntgen mit einer speziellen Planungssoftware bestimmt, wo genau die Fehlstellung sitzt, am Schienbeinkopf oder am Oberschenkel. Erst danach wird gezielt an der richtigen Stelle korrigiert.
Genau hier liegt der Unterschied zur Achskorrektur als Begleiteingriff einer Knorpeltherapie: Dort wird die Achse neutral wiederhergestellt, um eine frische Knorpelreparatur vor der Fehlbelastung zu schützen, die den Schaden verursacht hat. Bei der Arthrose-Behandlung hier geht es dagegen um eine bewusste Entlastung des bereits abgenutzten Kompartiments.
Kurz gesagt: Kurz gesagt, Was es ist
Bei einseitiger Kniearthrose durch eine Fehlstellung (meist O-Bein) korrigiert die Umstellungsosteotomie die Beinachse und verlagert die Last auf die gesunde Seite, mit einer leichten Überkorrektur, um das kranke Kompartiment zu entlasten. Gelenkerhaltend, oft prothesenaufschiebend. Zur Achswiederherstellung als Begleiteingriff einer Knorpel-OP siehe Begleiteingriffe.
Vorher ausprobieren: der Brace-Test
Ein großer Vorteil dieses Eingriffs: Seine Wirkung lässt sich vor der Operation simulieren. Mit einer speziellen Schiene (einem Entlastungs- oder Valgus-Brace), die das Bein sanft in die geplante Korrekturrichtung führt, können Sie im Alltag erleben, wie sich die Entlastung des betroffenen Kompartiments anfühlt. Bessern sich die Beschwerden im Test deutlich, ist das ein gutes Zeichen, dass auch die Operation hilft. So treffen Sie die Entscheidung nicht ins Blaue hinein, sondern auf Basis einer echten Erfahrung.
+ Für medizinisch Interessierte: Technik
- Bei medialer (Varus-)Gonarthrose meist hohe tibiale Osteotomie (HTO), in der Regel als mediale Open-Wedge-Technik mit winkelstabiler Platte; bei lateraler (Valgus-)Gonarthrose suprakondyläre distale Femurosteotomie (DFO).
- Präzise, softwaregestützte Planung ist obligat: Am Ganzbeinröntgen wird das Zentrum der Fehlstellung (CORA) mit spezieller Planungssoftware (z. B. mediCAD®, PreOPlan®) exakt lokalisiert; erst danach wird gezielt am richtigen Ort osteotomiert, HTO bei tibialer, suprakondyläre DFO bei femoraler Ursache, jeweils als Open- oder Closing-Wedge-Technik. So werden Über-/Unterkorrektur und eine unerwünschte Schräglage der Gelenklinie vermieden. [8, 9]
- Ziel ist eine leichte Überkorrektur der Tragachse in das gesunde Kompartiment (klassisch zum Fujisawa-Punkt, ca. 62 % der Tibiabreite / einige Grad Valgus).
- Kombinierbar mit einer Knorpeltherapie im selben Eingriff (dann ist die Achskorrektur zugleich Begleiteingriff).
- Voraussetzungen: intaktes Gegen-Kompartiment und Femoropatellargelenk, stabile Bänder, gute Beweglichkeit.
+ Für medizinisch Interessierte: Vor- und Nachteile
Vorteile:
- gelenkerhaltend; behandelt die Ursache (Fehlbelastung) statt nur das Symptom
- erhält hohe Aktivität/Sportfähigkeit; schiebt eine Prothese oft um Jahre auf
- im Test (Brace) vorab simulierbar; mit Knorpeltherapie kombinierbar
Nachteile:
- knöcherner Eingriff mit Heilungszeit (Teilbelastung bis zur knöchernen Konsolidierung)
- Materialentfernung der Platte oft nötig; Risiken wie verzögerte Knochenheilung
- nur bei einseitiger Arthrose sinnvoll; bei fortgeschrittener Arthrose beider Kompartimente ungeeignet
+ Für medizinisch Interessierte: Indikationen und Kontraindikationen
Indikation:
- symptomatische einseitige (unikompartimentelle) Gonarthrose mit passender Achsfehlstellung (Varus → HTO, Valgus → DFO)
- eher jüngere, aktive Patientinnen und Patienten (etwa < 60–65 Jahre), gute Beweglichkeit, bandstabil, kein ausgeprägtes Übergewicht
- positiver Brace-Test als günstiger prognostischer Hinweis
Kontraindikationen:
- fortgeschrittene Arthrose auch im Gegen-Kompartiment oder femoropatellar
- entzündliche Gelenkerkrankung, relevante Instabilität, Nikotinabusus (Knochenheilung), unrealistische Erwartung
+ Für medizinisch Interessierte: Ergebnisse und Studienlage
- Die Umstellungsosteotomie ist ein etabliertes, gelenkerhaltendes Verfahren mit guter Studienlage; die S3-Leitlinie Gonarthrose führt sie als Option bei unikompartimenteller Gonarthrose mit Achsfehlstellung. [2]
- Typische Prothesenfreiheit nach 10 Jahren im Bereich von ~80–90 %, mit besseren Ergebnissen bei jüngeren, normalgewichtigen Patientinnen und Patienten und weniger fortgeschrittener Arthrose. [1, 3]
- Achskorrektur unterstützt zugleich knorpelregenerative Verfahren, ohne Korrektur der Fehlstellung fallen deren Ergebnisse deutlich schlechter aus. [1, 4]
Nachbehandlung
Weil ein Knochen durchtrennt und neu fixiert wird, steht die knöcherne Heilung im Vordergrund: In der Regel folgt eine mehrwöchige Teilbelastung, bis die Osteotomie fest verheilt ist, begleitet von Krankengymnastik zum Erhalt von Beweglichkeit und Muskulatur. Einzelheiten stehen unter Nachbehandlung & Reha; zur muskulären Vorbereitung siehe Bewegung und Krafttraining. Ergänzend gilt: Die QKG empfiehlt, soweit die knöcherne Heilung es zulässt, ein phasengerechtes, möglichst frühes Belastungskonzept statt langer strikter Entlastung; Näheres im Kapitel Nachbehandlung & Reha.
Ob eine Umstellungsosteotomie infrage kommt, hängt von Achse, betroffenem Kompartiment, Alter und Aktivität ab und wird nach Ganzbeinröntgen individuell entschieden. Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung.
Evidenz-Ampel: bei einseitiger Gonarthrose mit Achsfehlstellung gut belegt und leitliniengestützt, gelenkerhaltend und prothesenaufschiebend bei passender Indikation
Das Wichtigste auf einen Blick
Die Umstellungsosteotomie behandelt nicht das Symptom, sondern die Ursache: die Fehlstellung, die ein Kompartiment überlastet. Bei einseitiger Kniearthrose, meist am Innenkompartiment beim O-Bein, verlagert sie die Last mit einer leichten Überkorrektur auf die gesunde Seite und kann so ein Gelenk erhalten und eine Prothese um Jahre hinauszögern. Besonders für jüngere, aktive Menschen ist sie eine wertvolle Option.
Ein praktischer Vorteil: Der Brace-Test lässt die Wirkung vorab erlebbar machen. Wichtig zur Einordnung: Geht es darum, die Achse neutral wiederherzustellen, um eine Knorpelreparatur vor erneuter Fehlbelastung zu schützen, ist das ein Begleiteingriff, dieselbe Operation, aber mit anderem Ziel.
+ Quellen
- Husen M, Custers RJH, Hevesi M, Krych AJ, Saris DBF. The Role of Proximal Tibial Osteotomy in Joint Preservation. J Cartilage Joint Preserv. 2023. doi:10.1016/j.jcjp.2023.100109.
- S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Gonarthrose" (AWMF-Registernummer 187-050), Fassung 2024/2025, zur Umstellungsosteotomie bei unikompartimenteller Gonarthrose mit Achsfehlstellung.
- Schuster P, Geßlein M, Schlumberger M, et al. Ten-year results of medial open-wedge high tibial osteotomy and chondral resurfacing in severe medial osteoarthritis and varus malalignment. Am J Sports Med. 2018. doi:10.1177/0363546518758016.
- Martin R, Jakob RP. Are cartilage repair and restoration procedures in the knee without respecting alignment fruitless? A comprehensive review. J Cartilage Joint Preserv. 2022;2:100074. doi:10.1016/j.jcjp.2022.100074.
- Faber S, Zellner J, Angele P, et al. Decision making for concomitant high tibial osteotomy (HTO) in cartilage repair patients based on a nationwide cohort study of 4968 patients. Arch Orthop Trauma Surg. 2020;140:1437–1444. doi:10.1007/s00402-020-03476-6.
- Weishorn J, et al. Neutral to slightly undercorrected mechanical leg alignment provides superior long-term results in patients undergoing matrix-associated autologous chondrocyte implantation. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2024. doi:10.1002/ksa.12226.
- Sterett WI, Steadman JR, Huang MJ, Matheny LM, Briggs KK. Chondral resurfacing and high tibial osteotomy in the varus knee: survivorship analysis. Am J Sports Med. 2010. doi:10.1177/0363546509360403.
- Schröter S, Ihle C, Mueller J, Lobenhoffer P, Stöckle U, van Heerwaarden R. Digital planning of high tibial osteotomy. Interrater reliability by using two different software. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2013;21(1):189–196. doi:10.1007/s00167-012-2114-3.
- Paley D. Principles of Deformity Correction. Berlin, Heidelberg: Springer; 2002. (Grundlagen der CORA-basierten Deformitätenanalyse und Osteotomieplanung.)
+ Autor & fachliche Prüfung
Autor
Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)
Fachlich gegengelesen von
Dr. med. Klaus Ruhnau
Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)
Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028