Kniegelenkdistraktion: das Gelenk erhalten statt ersetzen

Die operative Kniegelenkdistraktion ist ein gelenkerhaltendes Verfahren für jüngere Menschen mit fortgeschrittener Kniearthrose. Über ein äußeres Gestell wird das Gelenk einige Wochen leicht auseinandergehalten, mit dem Ziel, eine Knieprothese um Jahre hinauszuzögern. Das Besondere: Unter der Entlastung kann sich das Gelenk teilweise selbst reparieren.

Wie das Verfahren funktioniert

Bei der Kniegelenkdistraktion (englisch Knee Joint Distraction, KJD) bringt das Operationsteam ober- und unterhalb des Knies je einen äußeren Rahmen an (einen Fixateur), der die Knochen über Pins hält. Dieser Rahmen zieht das Gelenk um wenige Millimeter auseinander, sodass sich die Gelenkflächen für etwa sechs Wochen nicht mehr berühren. Das Gelenk wird dabei entlastet, bleibt aber durch die Bewegung im Alltag weiter „in Betrieb". Nach der Distraktionsphase wird das Gestell wieder entfernt.

Warum das hilft: Die dauerhafte Druckentlastung unterbricht den Teufelskreis aus Belastung, Entzündung und Abbau. Das Gelenk kann in dieser Zeit neues Knorpelreparaturgewebe bilden und der darunterliegende Knochen normalisiert sich teilweise, ein Umbau, der das ganze Gelenk betrifft.

Kurz gesagt: Kurz gesagt, Wie es funktioniert

Ein äußeres Gestell zieht das Kniegelenk etwa sechs Wochen lang wenige Millimeter auseinander. Unter dieser Entlastung kann sich das Gelenk teilweise selbst reparieren. Ziel ist, eine Knieprothese um Jahre hinauszuzögern.

Für wen kommt sie infrage?

Diskutiert wird die Kniegelenkdistraktion vor allem für jüngere Patientinnen und Patienten (etwa unter 65 Jahren) mit fortgeschrittener Kniearthrose, bei denen konservative Maßnahmen ausgeschöpft sind und für die eine Prothese wegen des Alters ungünstig wäre, denn ein künstliches Gelenk hält nicht ewig und müsste später mit höherem Aufwand gewechselt werden. Die Distraktion soll dieses Zeitfenster überbrücken.

Was die Evidenz zeigt: sachlich eingeordnet

Die Kniegelenkdistraktion ist seit rund 20 Jahren in Erforschung, vor allem durch eine niederländische Arbeitsgruppe. Die Daten sind vielversprechend: In Studien besserten sich Schmerz, Funktion und Lebensqualität deutlich, der Gelenkspalt wurde im Röntgen breiter (Zeichen von Knorpelreparatur), und die Prothese ließ sich häufig um mehrere Jahre, teils bis zu zehn Jahre, hinauszögern. In Vergleichsstudien schnitt die Distraktion ähnlich ab wie andere gelenkerhaltende Verfahren.

Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: Die Zahl großer, unabhängiger Studien ist begrenzt, ein direkter Vergleich mit der Prothese musste vorzeitig abgebrochen werden und blieb zu klein für ein sicheres Urteil. Das Verfahren ist aufwändig und belastend, das äußere Gestell trägt man wochenlang, und Infektionen an den Pin-Eintrittsstellen sind häufig. Es gehört in spezialisierte Zentren und steht (noch) nicht als Routineempfehlung in den großen Leitlinien.

+  Für medizinisch Interessierte: Studienlage

Übersichtsarbeiten (Jansen & Mastbergen 2025) beschreiben nach ~20 Jahren KJD eine tragfähige Rationale: whole-joint remodeling mit Knorpel- und subchondraler Knochenreparatur, klinischer Nutzen bis 10 Jahre. Kontrollierte Daten: Huizinga et al. (2025) zeigten gegenüber einer maßgefertigten Entlastungsorthese bei < 65-Jährigen über 2 Jahre in beiden Gruppen klinische Besserung, aber nur unter KJD eine Beeinflussung der radiologischen Progression (größerer minimaler Gelenkspalt), bei mehr Nebenwirkungen. Die randomisierte KJD-vs-Arthroplastik-Studie (Hamilton et al. 2025, KARDS) wurde pandemiebedingt bei nur 24 Patienten abgebrochen; beide Gruppen verbesserten sich. Struik et al. (2023) belegten mit einem zweckgebauten Gerät über 2 Jahre klinische und strukturelle Besserung trotz unerwünschter Ereignisse. Tiermodelle (Chen et al. 2015) stützen den Mechanismus (Reduktion sekundärer Entzündung, Knorpel- und Knochenprotektion). Limitierend bleiben Fallzahlen, Zentrenabhängigkeit und die hohe Rate an Pin-Trakt-Infektionen. [1–5]

Häufigste Komplikation ist eine Entzündung an den Pin-Eintrittsstellen; seltener sind tiefere Infektionen. Ob die Kniegelenkdistraktion für Sie infrage kommt, ist eine Einzelfallentscheidung mit einer in dem Verfahren erfahrenen Ärztin oder einem erfahrenen Arzt.

Nachbehandlung

Während der Distraktionsphase wird der Fixateur getragen und die Pin-Eintrittsstellen werden regelmäßig gepflegt; Bewegung im Alltag bleibt erwünscht. Nach der Entfernung des Gestells folgt ein schrittweiser Belastungs- und Bewegungsaufbau mit Krankengymnastik. Einzelheiten stehen unter Nachbehandlung & Reha. Ergänzend gilt: Die QKG empfiehlt, soweit es das Verfahren zulässt, ein phasengerechtes, möglichst frühes Belastungskonzept statt langer strikter Entlastung; Näheres im Kapitel Nachbehandlung & Reha.

Kurz gesagt: Kurz gesagt, Was belegt ist

Die Kniegelenkdistraktion kann bei jüngeren Menschen mit fortgeschrittener Arthrose Schmerz und Funktion verbessern, eine Prothese um Jahre hinauszögern und, anders als die meisten Verfahren, eine gewisse Knorpelreparatur anstoßen. Die Evidenz ist vielversprechend, aber noch begrenzt; das Verfahren ist belastend, infektionsanfällig und gehört in spezialisierte Zentren.

Evidenz-Ampel: vielversprechend, gelenkerhaltend, aber begrenzte Evidenz und spezialisiert

Das Wichtigste auf einen Blick

Die operative Kniegelenkdistraktion ist eine gelenkerhaltende Option, um bei jüngeren Patienten eine Prothese hinauszuzögern, mit dem Sonderweg einer teilweisen Selbstreparatur des Gelenks. Der Nutzen ist in Studien belegt, die Datenbasis aber noch schmal, und das Verfahren ist aufwändig und infektionsanfällig. Es ersetzt nicht die konservative Basis und ist eine Entscheidung für erfahrene Zentren.

+  Quellen
  1. Jansen MP, Mastbergen SC. Application of knee joint distraction: challenges and opportunities. Connect Tissue Res. 2025.
  2. Huizinga MR, de Vries AJ, Jansen MP, et al. Joint distraction versus custom-made unloading orthosis for knee osteoarthritis, a clinical and radiological study. The Knee. 2025;56:637–645.
  3. Hamilton TW, Lineham B, Stocken DD, Pandit H, et al. (KARDS Study Group). Knee arthroplasty compared with joint distraction for osteoarthritis: a phase III randomized controlled trial. Bone Jt Open. 2025;6(8):886–893.
  4. Struik T, Mastbergen SC, Brouwer RW, et al. Joint distraction using a purpose-built device for knee osteoarthritis: a prospective 2-year follow-up. RMD Open. 2023;9:e003074.
  5. Chen Y, Sun Y, Pan X, Ho K, Li G. Joint distraction attenuates osteoarthritis by reducing secondary inflammation, cartilage degeneration and subchondral bone aberrant change. Osteoarthritis Cartilage. 2015;23(10):1728–1735.
+  Autor & fachliche Prüfung

Autor

Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Fachlich gegengelesen von

Dr. med. Klaus Ruhnau

Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028