Minced Cartilage: eigener Knorpel, zerkleinert und in einem Eingriff eingesetzt

Bei Minced Cartilage (übersetzt etwa „zerkleinerter Knorpel") wird eine kleine Menge gesunden Knorpels entnommen, in winzige Stückchen zerteilt und im selben Eingriff in den Defekt eingebracht. Aus diesen Knorpelchips wandern lebende Zellen aus und bilden neues Gewebe. Das Verfahren ist einzeitig, schonend für den Knochen und braucht keine Zellzüchtung, es gilt als vielversprechend, ist aber noch nicht ausreichend durch Studien belegt.

Woher das Verfahren kommt

Die Grundbeobachtung ist alt: Bereits 1983 behandelte F. Albrecht Knorpeldefekte bei Kaninchen erfolgreich mit kleinen Knorpelstückchen, die er mit Fibrinkleber im Defekt fixierte. [8] Das entstehende Gewebe ähnelte jugendlichem Knorpel, er sprach von einer „zweiten Jugend" des erwachsenen Knorpels, ausgelöst durch die gute Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff aus dem darunterliegenden Knochen.

Zur Anwendung am Menschen kam die Technik erst durch ein erstes klinisches System und die begleitende Forschung. In einer randomisierten Studie (2011) waren die Ergebnisse nach zwei Jahren so gut wie die der Mikrofrakturierung, jedoch mit deutlich weniger Zysten im Knochen. Parallel wurde eine Variante mit jugendlichem Spenderknorpel (allogene Knorpelfragmente) entwickelt.

Das Behandlungsprinzip: worum es geht

Der Clou liegt darin, dass Knorpelzellen aus zerkleinertem Knorpelgewebe auswandern und sich vermehren können, solange die Stückchen klein genug sind. Man entnimmt deshalb nur eine kleine Menge eigenen Knorpels, bereits etwa ein Zehntel der Defektfläche genügt –, zerkleinert ihn zu feinen Chips oder zu einer Paste und verteilt ihn im vorbereiteten Defekt. Fixiert wird das Ganze mit Fibrinkleber und feinen Nähten, meist unter einer abdeckenden Membran.

Zwei Vorteile springen ins Auge: Das Verfahren kommt mit einer einzigen Operation aus (anders als die Knorpelzelltransplantation, bei der Zellen erst im Labor gezüchtet werden), und es schont den Knochen, anders als bei der Knochenmarkstimulation wird die Knochenplatte unter dem Defekt nicht verletzt. Das erklärt, warum deutlich weniger knöcherne Komplikationen (Osteophyten, Zysten) auftreten.

Kurz gesagt: Kurz gesagt, Was es ist

Eine kleine Menge eigenen Knorpels wird zerkleinert und in einem Eingriff in den Defekt eingesetzt; aus den Chips wandern lebende Zellen aus und bilden neues Gewebe. Einzeitig, ohne Zellzüchtung, knochenschonend, und mit weniger knöchernen Komplikationen als die Knochenmarkstimulation. Noch ist die Evidenz aber begrenzt.

+  Für medizinisch Interessierte: Technik
  • Einzeitig, offen oder arthroskopisch; allgemeine Regeln der Defektpräparation beachten. Die kalzifizierte Schicht wird debridiert, ohne eine Blutung aus dem subchondralen Knochen zu provozieren, die subchondrale Platte wird geschont.
  • Ein 2 cm² großer Defekt benötigt nur ca. 0,65 cm² autologes Knorpelgewebe. Die Defekttiefe ist unkritisch, es genügt, den Defektboden abzudecken.
  • Optimal sind Chips ≤ 1 mm oder eine Knorpelpaste: je kleiner die Fragmente, desto mehr Extrazellulärmatrix und Migration. Gewinnung mit Skalpell oder scharfem, atraumatischem Shaver; Entnahme aus den Defektrandbereichen hat besonders gutes chondrogenes Potenzial.
  • Fixation der Chips mit Fibrinkleber (ggf. mit Blut/PRP) und Abdeckung mit einer Membran, besonders bei uncontained oder retropatellaren Defekten.
  • Auch osteochondrale Defekte sind behandelbar: zunächst Auffüllen des Knochens mit Spongiosa bis zur Knorpelgrenze, dann Aufbringen der Knorpelchips.
+  Für medizinisch Interessierte: Vor- und Nachteile

Vorteile:

  • einzeitig, kostengünstig, ohne Zellkultivierung und ohne teils de-differenzierte Zellen (anders als bei der mACT)
  • knochenschonend, die subchondrale Platte bleibt intakt
  • deutlich weniger Osteophyten und subchondrale Zysten als nach Mikrofrakturierung
  • eine kleine Knorpelmenge reicht für einen relativ großen Defekt; arthroskopisch möglich

Nachteile:

  • noch keine belastbare Evidenz: nur kurze bis mittlere Nachbeobachtung, keine Langzeitdaten
  • bislang kaum histologische Studien am Menschen
  • die maximal sinnvoll behandelbare Defektgröße ist noch nicht gesichert
  • ambulant derzeit nicht abrechenbar
+  Für medizinisch Interessierte: Indikationen und Kontraindikationen

Indikationen:

  • nicht refixierbare Knorpel-„Flakes", rein chondrale Verletzungen, nicht refixierbare osteochondrale Läsionen, chronische osteochondrale Defekte
  • Defektgröße ca. 1–4 cm² (nach DGOU 2022 als Potenzialmethode)
  • bandstabiles Gelenk, Beinachse max. 2–3° varus/valgus, intakter Umgebungsknorpel (max. ICRS 2), keine „kissing lesions"

Kontraindikationen (wie bei der mACT):

  • Arthrose Stadium 3–4 nach Kellgren-Lawrence, entzündliche Gelenkerkrankungen
  • Achsfehlstellung > 3–5°, unbehandelte ursächliche Begleitpathologien
  • funktionell subtotale Meniskusresektion, offene Wachstumsfugen (Alter < 14 J), unrealistische Erwartung
+  Für medizinisch Interessierte: Ergebnisse und Studienlage

Es werden drei Varianten unterschieden: mit autologen Knorpelchips, mit jugendlichen allogenen Knorpelfragmenten und bei osteochondralen Defekten.

  • Eine randomisierte Level-II-Studie (2011, 29 Patienten) zeigte nach 2 Jahren klinisch gleich gute Ergebnisse wie die Mikrofrakturierung, aber ~50 % weniger subchondrale Zysten. [6]
  • In einer Vergleichsreihe traten nach dem Verfahren deutlich seltener Osteophyten (ca. 8 % vs. 54 %) und Zysten (ca. 18 % vs. 27 %) auf als nach Mikrofrakturierung. [1]
  • Eine Fallserie zur allogenen Variante (25 Patienten, 2 Jahre) zeigte gute klinische Ergebnisse und histologisch eine Mischung aus hyalinem und fibrösem Gewebe. [3]
  • Seit 2023 liegen erste 5-Jahres-Ergebnisse (Level III) vor, die im Funktionsscore (IKDC) mit mACT, OCT und AMIC vergleichbar ausfallen, ein ermutigendes Signal für kleinere Defekte. [7]
  • Insgesamt bleibt die Evidenz gering: kurze bis mittlere Nachbeobachtung, kaum Histologie am Menschen. Systematische Übersichten ordnen das Verfahren als vielversprechend, aber noch nicht ausreichend belegt ein. [4, 5]

Nachbehandlung

Die Nachbehandlung entspricht der anderer knorpelregenerativer Verfahren, Entlastung und kontinuierliche passive Bewegung, abgestuft nach Größe und Lage des Defekts. Einzelheiten und die Phasen der Geweberefung stehen unter Nachbehandlung & Reha. Ergänzend gilt: Die QKG empfiehlt, abweichend vom klassischen, langen Entlastungsschema, eine phasenadaptierte, möglichst frühe Vollbelastung; das phasengerechte Vorgehen und die Begründung stehen im Kapitel Nachbehandlung & Reha.

Ob dieses Verfahren im Einzelfall infrage kommt, entscheidet Ihre behandelnde Ärztin oder Ihr behandelnder Arzt nach Untersuchung, Bildgebung und Abwägung der Begleitfaktoren. Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung.

Evidenz-Ampel: vielversprechend und knochenschonend, kurzfristig auf dem Niveau der Knorpelzelltransplantation, aber noch Potenzialmethode mit begrenzter, überwiegend kurz-/mittelfristiger Evidenz

Das Wichtigste auf einen Blick

Minced Cartilage ist eines der vielversprechendsten neueren Knorpelverfahren: einzeitig, kostengünstig, ohne Zellzüchtung, knochenschonend, und in den ersten zwei Jahren auf dem Niveau der Knorpelzelltransplantation. Weil die subchondrale Knochenplatte unversehrt bleibt, treten deutlich weniger knöcherne Komplikationen auf als bei der Knochenmarkstimulation.

Ehrlich bleibt aber: Es fehlen mittel- und langfristige Ergebnisse sowie histologische Studien am Menschen, und die maximal sinnvolle Defektgröße ist noch nicht gesichert. Deshalb gilt Minced Cartilage derzeit als Potenzialmethode. Der Goldstandard für größere Defekte bleibt die Knorpelzelltransplantation (mACT). Für Situationen, in denen der Knochen geschont werden soll, ist Minced Cartilage eine attraktive, gut begründete Option, mit dem klaren Hinweis auf die noch begrenzte Datenlage.

+  Quellen
  1. Riboh JC, Cole BJ, Farr J. Particulated articular cartilage for symptomatic chondral defects of the knee. Curr Rev Musculoskelet Med. 2015;8(4):429–435. doi:10.1007/s12178-015-9300-0.
  2. Schneider S, Kaiser R, Uterhark B, et al. Autologous surface repair: autologous matrix-induced chondrogenesis and minced cartilage implantation. J Cartilage Joint Preserv. 2023. doi:10.1016/j.jcjp.2023.100111.
  3. Słynarski K, de Jong WC, Snow M, et al. Single-stage autologous chondrocyte-based treatment for the repair of knee cartilage lesions: two-year follow-up of a prospective single-arm multicenter study. Am J Sports Med. 2020. doi:10.1177/0363546520912444.
  4. Liang H, Suri P, Saleem MI, et al. Regenerative capacity of morselized cartilage in vitro and in an osteochondral defect model. J Cartilage Joint Preserv. 2024;4:100182. doi:10.1016/j.jcjp.2024.100182.
  5. Zhang H, Wang R, et al. Was wissen wir aus der Grundlagenforschung über Minced-cartilage-Techniken? Arthroskopie. 2022. doi:10.1007/s00142-022-00560-4.
  6. Cole BJ, Farr J, Winalski CS, Hosea T, Richmond J, Mandelbaum B, De Deyne PG. Outcomes after a single-stage procedure for cell-based cartilage repair: a prospective clinical safety trial with 2-year follow-up. Am J Sports Med. 2011;39(6):1170–1179. doi:10.1177/0363546510397535. (randomisiert vs. Mikrofrakturierung, Level II, n = 29.)
  7. Zinser W, Obwegeser F, Albrecht C, et al. Empfehlungen des Expertenkreis Gelenkserhalt und Knorpelregeneration Österreich zur Behandlung von Knorpelschäden am Kniegelenk (in Kooperation mit ÖGOuT und der QKG). 2025. Übersicht mit Tabelle: qkg-gesellschaft.de/artikel/empfehlungen-des-expertenkreis-gelenkserhalt-und-knorpelregeneration-oesterreich-zur-behandlung-von-knorpelschaeden-am-kniegelenk-2025/., Von der QKG mitgetragene Empfehlung; Minced Cartilage als Potenzialmethode, 5-Jahres-Level-III-Daten vergleichbar mit mACT/OCT/AMIC.
  8. Albrecht FH. Closure of joint cartilage defects using cartilage fragments and fibrin glue [Artikel deutsch]. Fortschr Med. 1983;101(37):1650–1652. (Historische tierexperimentelle Erstbeschreibung der Knorpelzerkleinerung.)
+  Autor & fachliche Prüfung

Autor

Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Fachlich gegengelesen von

Dr. med. Klaus Ruhnau

Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028