Abrasionsarthroplastik: ein historisches Verfahren, sachlich eingeordnet

Die Abrasionsarthroplastik gehört zu den ältesten arthroskopischen Knorpelverfahren. Sie regt über eine gezielte Verletzung des Knochens ein Reparaturgewebe an, ein Prinzip, das bis heute Bestand hat. Das Verfahren selbst ist jedoch weitgehend von moderneren Techniken abgelöst worden. Diese Seite erklärt, was dahintersteckt und wo es heute noch einen Platz hat.

Woher das Verfahren kommt

Die Idee, den Knochen unter einem Knorpelschaden gezielt zu eröffnen, um eine Heilungsreaktion auszulösen, ist alt. Bereits 1957 beschrieb der schottische Chirurg Iain Smillie eine knochenmarkstimulierende Bohrung für die Osteochondrosis dissecans, 1959 übertrug Kenneth Pridie das Prinzip auf die Arthrose. Darauf aufbauend entwickelte Lanny Johnson 1981 die erste arthroskopisch, also über eine Gelenkspiegelung, durchführbare Abrasionsarthroplastik und veröffentlichte sie 1986. [1, 2]

Damit ist die Abrasionsarthroplastik ein direkter Vorläufer der heute gebräuchlichen Mikro- und Nanofrakturierung. Alle diese Verfahren teilen dasselbe Grundprinzip der Knochenmarkstimulation.

Das Behandlungsprinzip: worum es geht

Bei fortgeschrittenem Knorpelverschleiß liegt der Knochen an der Gelenkfläche oft frei und ist verdichtet und glänzend abgeschliffen, Fachleute sprechen von einem eburnisierten („elfenbeinartigen") Knochen. Dieser harte, verschlossene Knochen kann keine Heilungszellen mehr an die Oberfläche abgeben.

Bei der Abrasionsarthroplastik wird genau diese verdichtete Oberschicht mit einer Fräse flächig abgetragen, bis der darunterliegende, gut durchblutete Knochen minimal eröffnet wird. Es treten dann feine Blutpunkte aus, das charakteristische „Pfeffer-und-Salz-Phänomen". Aus diesem Blut bildet sich ein Ersatzgewebe (Faserknorpel), das den Defekt bedeckt. Wichtig zu wissen: Es entsteht kein vollwertiger Gelenkknorpel, sondern ein weniger belastbares Reparaturgewebe.

Kurz gesagt: Kurz gesagt, Was es ist

Die Abrasionsarthroplastik trägt die verdichtete, freiliegende Knochenoberfläche flächig ab, bis kleine Blutpunkte austreten („Pfeffer-und-Salz"). Aus dem Blut entsteht ein Ersatzgewebe (Faserknorpel), kein echter Gelenkknorpel. Sie ist der historische Vorläufer der Mikrofrakturierung.

+  Für medizinisch Interessierte: Technik
  • Es gelten die allgemeinen Regeln der Defektpräparation (stabile Knorpelränder, senkrechte Präparation, Entfernung der kalzifizierten Schicht).
  • Der eburnisierte, sklerotische Bereich wird mit einer Kugel- oder, besser steuerbar, einer Tannenzapfenfräse so weit ausgedünnt, dass es zur minimalen Eröffnung des subchondralen Knochens kommt (Pfeffer-und-Salz-Phänomen).
  • Entscheidend ist, nicht zu tief zu fräsen: sonst wird der subchondrale Knochen destabilisiert und ein unregelmäßiger, welliger Defektgrund erzeugt.
+  Für medizinisch Interessierte: Vor- und Nachteile

Vorteile:

  • einzeitig und arthroskopisch, technisch einfach und kostengünstig
  • flächig anwendbar auch bei größeren, degenerativen Arealen
  • als Zusatzmaßnahme zu einer achskorrigierenden Operation kombinierbar

Nachteile:

  • es entsteht nur mechanisch minderwertiger Faserknorpel
  • schlechte und uneinheitliche Datenlage, tendenziell schwächer als die Mikrofrakturierung
  • Gefahr der Knochendestabilisierung bei zu tiefem Fräsen
  • an der Hüfte technisch schwierig zuverlässig durchzuführen
+  Für medizinisch Interessierte: Indikationen und Kontraindikationen

Klassische Indikationskriterien nach Johnson:

  • lokale Eburnisation (umschriebener, freiliegender Knochen)
  • Defekt < 4 cm²
  • Umgebungsknorpel maximal Grad 2 nach Outerbridge
  • Alter unter 50 Jahren
  • Beinachsfehler unter 3°, daher immer Ganzbeinröntgen vorab

Kontraindikationen entsprechen den allgemeinen Grenzen der knorpelregenerativen Chirurgie (fortgeschrittene Arthrose Grad 3–4, entzündliche Gelenkerkrankung, unkorrigierte Achsfehlstellung oder Instabilität, unrealistische Erwartung). Siehe Prinzipien.

+  Für medizinisch Interessierte: Ergebnisse und Studienlage

Die Evidenz ist schwach. Von 1986 bis Anfang 2018 finden sich in PubMed nur rund 25 Arbeiten, darunter keine höherwertige (randomisierte) Studie. In direkten Vergleichen schneidet die Abrasionsarthroplastik tendenziell schlechter ab als die Mikrofrakturierung. Die beste verfügbare Arbeit ist eine 20-Jahres-Nachuntersuchung von Sansone (2015) auf Evidenzniveau IV. [3, 4]

Nachbehandlung

Wie bei allen knochenmarkstimulierenden Verfahren ist die Nachbehandlung entscheidend für die Reifung des Reparaturgewebes, klassisch mit Entlastung und kontinuierlicher passiver Bewegung (CPM-Schiene). Die Einzelheiten stehen unter Nachbehandlung & Reha. Ergänzend gilt: Die QKG empfiehlt, abweichend vom klassischen, langen Entlastungsschema, eine phasenadaptierte, möglichst frühe Vollbelastung; das phasengerechte Vorgehen und die Begründung stehen im Kapitel Nachbehandlung & Reha.

Ob dieses Verfahren im Einzelfall infrage kommt, entscheidet Ihre behandelnde Ärztin oder Ihr behandelnder Arzt nach Untersuchung, Bildgebung und Abwägung der Begleitfaktoren. Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung.

Evidenz-Ampel: historisches Verfahren, schwache Datenlage, kein Standard mehr, durch modernere Techniken weitgehend ersetzt

Das Wichtigste auf einen Blick

Die Abrasionsarthroplastik ist ein Stück Medizingeschichte: Als früher arthroskopischer Vertreter der Knochenmarkstimulation hat sie das Prinzip geprägt, das heute die Mikrofrakturierung nutzt. Ihr eigener Nutzen ist jedoch begrenzt und schlecht belegt, das entstehende Faserknorpelgewebe ist minderwertig, und in Vergleichen schneidet sie schwächer ab.

Aus Sicht der QKG hat sie deshalb keinen Platz mehr als Standardverfahren. In einer klar umrissenen Situation kann sie dennoch sinnvoll sein: bei medialer Kniearthrose als Zusatzmaßnahme im Rahmen einer Umstellungsosteotomie, wenn die Indikationskriterien eingehalten und konsequent nachbehandelt wird. Vereinzelt wird sie bei großflächiger Abrasion ganzer Gelenkabschnitte als „Bioprothese" beworben, für diese Anwendung fehlt eine belastbare Evidenz.

+  Quellen
  1. Johnson LL. Arthroscopic abrasion arthroplasty: a review. Clin Orthop Relat Res. 2001;(391 Suppl):S306–S317. (Erstbeschreibung der arthroskopischen Technik: Johnson LL. Arthroscopy. 1986;2(1):54–69.)
  2. Pridie KH. A method of resurfacing osteoarthritic knee joints. J Bone Joint Surg Br. 1959;41:618–619. (sowie Smillie IS, 1957, zur Bohrung bei Osteochondrosis dissecans.)
  3. Sansone V, de Girolamo L, Pascale W, et al. Long-term results of abrasion arthroplasty for full-thickness cartilage lesions of the medial femoral condyle. Arthroscopy. 2015;31(3):396–403. doi:10.1016/j.arthro.2014.10.007.
  4. Goyal D, Keyhani S, Lee EH, Hui JHP. Evidence-based status of microfracture technique: a systematic review of level I and II studies. Arthroscopy. 2013;29(9):1579–1588. (zum Vergleich der Knochenmarkstimulation.)
  5. Zinser W, Obwegeser F, Albrecht C, et al. Empfehlungen des Expertenkreis Gelenkserhalt und Knorpelregeneration Österreich zur Behandlung von Knorpelschäden am Kniegelenk (in Kooperation mit ÖGOuT und der QKG). 2025. Übersicht mit Tabelle: qkg-gesellschaft.de/artikel/empfehlungen-des-expertenkreis-gelenkserhalt-und-knorpelregeneration-oesterreich-zur-behandlung-von-knorpelschaeden-am-kniegelenk-2025/., Von der QKG mitgetragene Empfehlung; zunehmender Stellenwertverlust der reinen Knochenmarkstimulation zugunsten moderner Verfahren.
+  Autor & fachliche Prüfung

Autor

Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Fachlich gegengelesen von

Dr. med. Klaus Ruhnau

Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG (Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt)

Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028