Physikalische Therapie – Wärme, Kälte und Strom
Unter physikalischer Therapie fasst man Anwendungen zusammen, die mit Wärme, Kälte, Strom oder anderen physikalischen Reizen auf das Gelenk wirken. Sie können Beschwerden lindern – wichtig ist die richtige Einordnung: Sie sind Begleitmaßnahmen, keine Ersatzbehandlungen für Bewegung und Krafttraining.
Wärme und Kälte
Lokale Wärme (etwa Wärmepackungen) oder Kälte (Kühlpacks) sind einfach, risikoarm und werden von vielen als angenehm empfunden. Die ACR empfiehlt sie mit Einschränkung (conditionally recommended). [2] Als Faustregel: Wärme tut oft bei steifen, chronischen Beschwerden gut, Kälte eher bei akuter Überwärmung und Schwellung. Was Ihnen guttut, dürfen Sie ausprobieren.
Bei der aktivierten, also entzündeten Arthrose ist Kälte besonders naheliegend: Sie senkt nicht nur den Schmerz, sondern dämpft messbar die Entzündung in der Gelenkinnenhaut. In kontrollierten Untersuchungen ging nach lokaler Kälteanwendung die Durchblutungsaktivität der Gelenkinnenhaut (Power-Doppler) zurück, und im Gelenk sanken Entzündungsbotenstoffe (u. a. IL-6, IL-1β, PGE2). [8, 9]
Neben einfachen Kühlpacks gibt es zwei apparative Formen:
- Gas-Kryotherapie (lokal, mit stark gekühltem CO₂- oder Stickstoffgas): sehr kurze Anwendungen von etwa 1–2 Minuten direkt auf das Gelenk. Kleine Studien zeigen einen Rückgang von Schmerz und Gelenkentzündung, vergleichbar mit klassischer Eisanwendung. [9, 10]
- Ganzkörper-Kältetherapie in der Kältekammer (kurze Aufenthalte bei sehr tiefen Temperaturen, oft −60 bis −110 °C): in der Rheumatologie verbreitet; ein akut schmerzlindernder Effekt ist belegt, hochwertige Studien speziell zur Kniearthrose fehlen aber weitgehend. [11]
Unterm Strich: Kälte – als Pack, Gas oder Kammer – ist risikoarm und gerade bei der aktivierten Arthrose ein sinnvoller, symptomatisch wirksamer Baustein. Die Gesamtevidenz ist aber klein und wenig standardisiert, und ein Knorpelaufbau findet nicht statt. [11]
Evidenz-Ampel Wärme/Kälte: begrenzt belegt, risikoarm – Kälte v. a. bei aktivierter Arthrose (ACR bedingt empfohlen)
Elektrotherapie (inkl. TENS und Hochvolt) – kein belegter Nutzen
Zur Elektrotherapie zählen unter anderem TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation), Ultraschall und die Hochvolttherapie. Die Datenlage bei Arthrose ist schwach – und die Leitlinien sind sich inzwischen weitgehend einig:
- Die aktualisierte deutsche S3-Leitlinie 2024/2025 empfiehlt, TENS, Ultraschall, Interferenzstrom, Laser- und gepulste Kurzwellentherapie sowie neuromuskuläre Elektrostimulation aufgrund unzureichender Belege nicht durchzuführen (Übernahme aus der NICE-Leitlinie NG226). [1]
- Auch die amerikanische ACR rät von TENS ab (strongly recommended against). [2]
Das bedeutet nicht, dass ein Versuch schadet – die Anwendungen sind risikoarm. Ein belegter Nutzen bei Arthrose besteht nach heutiger Datenlage aber nicht. Sie sollten Bewegung und Krafttraining keinesfalls ersetzen.
Hochvolttherapie ist eine Elektrotherapie-Form mit sehr kurzen, hochintensiven Stromimpulsen bei insgesamt geringer Energiemenge. Speziell für die Kniearthrose ist sie kaum untersucht; die Anwendung stützt sich vor allem auf Erfahrungswerte. Es gilt dasselbe: risikoarm, aber ohne belegten Wirknachweis.
Eine Differenzierung – das patellofemorale Schmerzsyndrom. Anders liegt der Fall bei einem verwandten, aber eigenständigen Beschwerdebild: dem patellofemoralen Schmerzsyndrom (Schmerz vorn an der Kniescheibe, häufig bei jüngeren und aktiven Menschen). Hier zeigen zwei aktuelle Metaanalysen (2025), dass die neuromuskuläre Elektrostimulation (NMES) zusätzlich zum Training – nicht anstelle davon – Schmerz, Funktion und Quadrizepskraft stärker verbessert als Training allein, sofern sie länger als etwa vier bis sechs Wochen angewendet wird. Das ist ein anderer Zusammenhang als die Kniearthrose, für die die S3-Leitlinie NMES nicht empfiehlt – zeigt aber, dass es auf Beschwerdebild und Anwendung ankommt. [6, 7]
Evidenz-Ampel Elektrotherapie/Hochvolt (Arthrose-Gelenk): kaum belegt / nicht empfohlen · NMES + Training beim patellofemoralen Schmerzsyndrom: belegt (ergänzend, ab ~4–6 Wochen)
Eine zweite Perspektive – die Weichteile um das Gelenk
Wie bei der Stoßwellentherapie lohnt der Blick über das Gelenk hinaus. Bei Arthrose sind häufig auch die umliegenden Weichteile gereizt – verspannte Muskeln, überlastete Sehnenansätze, myofasziale Beschwerden. Gezielt auf diese Weichteile angewendet, können einige der physikalischen Verfahren durchaus lindern:
- Wärme ist bei muskulären Verspannungen gut etabliert – sie fördert Durchblutung und Muskelentspannung. Auf Triggerpunkte angewendet war sie einer Scheinbehandlung überlegen (z. B. bei Nackenbeschwerden), bei akuten Rückenschmerzen gibt es moderate Belege. [3]
- TENS senkt bei chronischen muskuloskelettalen Schmerzen die Schmerzstärke – eine große Metaanalyse zeigt einen Effekt gegenüber Scheinbehandlung. Beim rein myofaszialen Schmerz sind die Daten allerdings uneinheitlich. [4]
- Ultraschall wird beim myofaszialen Schmerzsyndrom eingesetzt – einzelne Studien zeigen Schmerz- und Beweglichkeitsverbesserungen, die Gesamtevidenz bleibt aber uneinheitlich. [5]
Entscheidend ist der Unterschied zur Anwendung „am Gelenk": Am arthrotischen Gelenk selbst ist der Nutzen gering – auf die begleitenden Weichteilbeschwerden gerichtet können dieselben Verfahren sinnvoll sein.
Evidenz-Ampel bei Weichteil-/Muskelbeschwerden (Wärme · TENS · Ultraschall): lindernd, uneinheitlich – Wärme am besten belegt
Massage wird von der ACR eher nicht empfohlen (conditionally against) – als gelegentliche, angenehme Ergänzung ist gegen sie nichts einzuwenden, ein belegter Arthrose-Effekt besteht aber nicht. [2]
+ Für medizinisch Interessierte
Die aktualisierte S3 fasst die elektrotherapeutischen Verfahren in einem gemeinsamen Kapitel und spricht sich – in Übernahme der NICE-Leitlinie NG226 – gegen TENS, Ultraschall, Interferenzstrom, Laser, gepulste Kurzwelle und NMES aus (unzureichende Evidenz). Die Stoßwellentherapie wird auf einer eigenen Seite behandelt (→ Stoßwellentherapie).
Kurz gesagt — Physikalische Therapie
Wärme und Kälte sind risikoarme, angenehme Begleitmaßnahmen. Die Elektrotherapie (TENS, Ultraschall, Hochvolt) hat am Gelenk keinen belegten Nutzen – die aktuelle S3 rät davon ab. Anders sieht es aus, wenn nicht das Gelenk, sondern die begleitenden Muskel- und Weichteilbeschwerden behandelt werden: Dafür – vor allem für Wärme – gibt es durchaus Belege. All das sind Ergänzungen – kein Ersatz für Bewegung und Kraft. (Die Stoßwellentherapie behandeln wir auf einer eigenen Seite.)
+ Quellen
- S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Gonarthrose (AWMF 187-050), Fassung 2024/2025 – Empfehlungen zu Wärme-/Kältetherapie und Elektrotherapie (TENS, Ultraschall).
- Kolasinski SL, Neogi T, Hochberg MC, et al. 2019 ACR/Arthritis Foundation Guideline for the Management of Osteoarthritis of the Hand, Hip, and Knee. Arthritis & Rheumatology. 2020;72(2):220–233.
- Zur Wärmetherapie: French SD, Cameron M, Walker BF, et al. Superficial heat or cold for low back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2006;(1):CD004750 – sowie aktuelle Übersichten zur oberflächlichen Wärmetherapie bei muskuloskelettalen Schmerzen (Muskelentspannung, Triggerpunkte).
- Zu TENS: Johnson MI, Paley CA, Jones G, Mulvey MR, Wittkopf PG. Efficacy and safety of transcutaneous electrical nerve stimulation (TENS) for acute and chronic pain (Meta-TENS): systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. BMJ Open. 2022;12(2):e051073.
- Zum Ultraschall beim myofaszialen Schmerzsyndrom: systematische Übersicht und Metaanalyse zur (niedrig-intensiven) Ultraschalltherapie, BMC Musculoskeletal Disorders. 2024 – Evidenz uneinheitlich.
- Zheng et al. The effect of adding neuromuscular electrical stimulation to exercise therapy on patellofemoral pain: a systematic review and meta-analysis. PLoS One. 2025;20(6):e0326785 – 9 RCTs, n=337; NMES zusätzlich zum Training verbessert Schmerz, Funktion und Quadrizepskraft gegenüber Training allein; empfohlene Anwendungsdauer über ~1 Monat.
- Abdelhamed et al. The effectiveness of neuromuscular electrical stimulation on pain, function, and quadriceps muscle strength in adults with patellofemoral pain: a systematic review and meta-analysis. BMC Musculoskeletal Disorders. 2025. doi:10.1186/s12891-025-09029-5.
- Guillot X, Tordi N, Prati C, et al. Local ice cryotherapy decreases synovial interleukin-6, interleukin-1β, VEGF, prostaglandin-E2 and NF-κB p65 in human knee arthritis: a controlled study. Arthritis Res Ther. 2019;21(1):180. – lokale Kälte senkt Entzündungsbotenstoffe in der Synovia.
- Guillot X, Tordi N, Prati C, et al. Cryotherapy decreases synovial Doppler activity and pain in knee arthritis: a randomized-controlled trial. Joint Bone Spine. 2017;84(4):477–483. – Vergleich Eis vs. kaltes CO₂-Gas; beide senken Power-Doppler und Schmerz.
- Chatap G, Giraud K, Vincent JP. Pain in the elderly: prospective study of hyperbaric CO₂ cryotherapy (neurocryostimulation). Joint Bone Spine. 2007;74(6):617–621. – lokale Gas-Kryotherapie senkt Schmerz (VAS).
- Cryotherapy in knee osteoarthritis: a systematic review with meta-analysis. 2025 – gepoolter Schmerzeffekt SMD ≈ −0,57; wenige, heterogene Studien, niedrige Evidenzqualität (auch zur Ganzkörper-Kältetherapie fehlen belastbare arthrosespezifische Daten).
+ Autor & fachliche Prüfung
Autor
Dr./Univ. Libre de Bruxelles Heino Kniffler
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt
Fachlich gegengelesen von
Dr. med. Klaus Ruhnau
Facharzt für Orthopädie und Chirurgie
Mitglied der QKG – Gesellschaft für Knorpelregeneration & Gelenkerhalt
Zuletzt geprüft: Juli 2026 · Nächste Prüfung: Juli 2028